Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- Sterblichkeit und Krankheiten bei Juden und Nichtjuden
- Date
- 1903-08-01
- Page
- Seite 567 - 568 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583913-2587546--03191-2587621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dr. Hugo Hoppe: Sterblichkeit und Krankheiten bei Juden und Nichtjuden. 568 die Totgeburten in den christlichen Ehen (mit 35,88 p. Mille) am häufigsten, in den jüdischen Ehen (mit 32,07 p. Mille) am seltensten sind, während die Zahl der Totgeburten in Mischehen zwischen Christen und Juden die Mitte hält und zwar so, dass dort, wo der Mann Jude ist, die Zahl der Totgeburten (33.67 p. Mille) die in rein jüdischen Ehen nur um 1,1 p. Mille übersteigt, dort aber, wo der Mann Christ ist, die Zahl der Totgeburten (35,76 p. Mille) die in rein christlichen Ehen beinahe erreicht, indem die Differenz die in rein jüdischen Ehen um 3,69 p. Mille übersteigt und nur 0,12 p. Mille beträgt. Mit einem Wort, das jüdische Element in einer Ehe vermehrt die Lebenschancen der Nachkommenschaft, das christliche vermindert sie; am günstigsten sind die Chancen, wo beide Teile Juden sind, am ungünstigsten, wo beide Teile Christen sind; in Mischehen kommt es besonders auf den männlichen Teil an, sie sind weit günstiger, wenn der männliche Teil durch das jüdische Element vertreten ist, als wenn er durch das christliche Element vertreten wird; während es bei der Frau keinen so erheblichen Unterschied macht, ob dieselbe Christin oder Jüdin ist. Die genauere Erklärung für diese frappierenden Ergebnisse werde ich später geben. Es ist ja selbstverständlich, dass die geringere Sterblichkeit der Juden sich in einer längeren Lebensdauer äussern muss. In Berlin z. B. hatten nach Ruppin im Jahre 1895 das 50. Lebensjahr 12,86°/,, der Christen, aber 15,78°/o der Juden, das 60. 5,53°/o der Christen, aber 7,33% der Juden, das 70. l,86°/0 der Christen, aber 2,63°/n der Juden erreicht; bei Berücksichtigung nur der Männer sind die Verhältnisse für die Juden noch günstiger. In Budapest erreichen nach Körösy ein Alter von 80—90 Jahren bei den Juden 8'7o, bei den Christen nur 2,4%. Ripley zieht (1899) einen interessanten Vergleich zwischen der Lebenszähigkeit der Juden und der übrigen Bevölkerung von Massachusetts. Nimmt man an, sagt er, dass zwei Gruppen von je 100 Kindern, die eine bei den Juden, die andere bei übrigen Amerikanern, an einem und demselben Tage geboren werden, so sind ungeachtet der ungleich günstigeren sozialen Verhältnisse bei den Amerikanern, die Lebenschancen bei den Juden bedeutend besser. Während bei den Juden die Hälfte das 70. Lebensjahr überschreitet, stirbt bei den Christen die Hälfte vor dem 47." Infolge der geringen Sterblichkeit unter den Juden nimmt ihre Zahl stärker zu als die der Nichtjuden, obgleich die Zahl der Heiraten und der Geburten bei ihnen im allgemeinen geringer ist. Während in Preussen von 1858—1864 der Geburtenüberschuss bei den Protestanten und Katholiken 14,2 resp. 14,7 p. Mille (der Bevölkerung) betrug, war er bei den Juden 17,6 p. Mille. Dementsprechend hat sich von 18 lö—1858 die katholische Bevölkerung um 73,8 %, die protestantische um 66,4 7o, die jüdische aber um 94,8% vermehrt. Es ist ja eigentlich selbstverständlich, dass der geringeren Sterblichkeit oder der grösseren Lebenszähigkeit, welche die Juden überall gegenüber den Nichtjuden zeigen, auch eine geringere Neigung zu Erkrankungen, eine geringere Morbidität entsprechen muss. Diese geringere Morbidität zeigt sich speciell bei den lebensgefährlichen Erkrankungen, vor allem bei den ansteckenden Krankheiten, den sogenannten Infections - Krankheiten, wie Lungenentzündung, Typhus, Ruhr, Malaria, Cholera, Pest, Pocken u.s.w. Diese Krankheiten kommen bei den Juden nicht nur selten vor, sondern sie verlaufen auch bei ihnen im allgemeinen milder als in der übrigen Bevölkerung. Schon bei den vertierenden Epidemieen des Mittelalters wurde fast allenthalben die Beobachtung gemacht, dass die Juden von denselben weit weniger heimgesucht wurden, als die Christen. Diese Beobachtungen waren es ja, die, als i. J. 1348 der „schwarze Tod" Europa durchzog und hunderttausende von Menschenleben dahinraffte, die Fabel hervorriefen, dass die Juden, welche von der Pest fast völlig verschont wurden, die Brunnen vergiftet hätten, und zu den bekannten furchtbaren Judenverfolgungen Anlass gaben. Diese Verfolgungen wüteten 2 Jahre und fanden erst mit tausende von Juden hatten die grössere WiderstandsfähigkeitihrerRasse gegenüber der Epidemie mit einem qualvollen Tode bezahlen müssen. Von der Pest verschont, wurden sie niedergemetzelt oder starben durch Feuer. Eine ähnliche Seuchenfestigkeit der Juden zeigte sich auch bei späteren Epidemieen, so nach Fracaston bei der Typhusepidemie v. J. 1508, nach Ramazzini bei der römischen Malariaepidemie vom Jahre 1691, nach Degner bei der heftigen Ruhrepidemie in Nymwegen v. J. 1736. Aus dem letzten Jahrhundert haben wird u. A. Angaben von Löwenhardt, wonach bei der Choleraepidemie in Prenzlau i. J. 1853 nur 2,8 % der jüdischen, aber 4,9 % der christlichen Bevölkerung an dieser Seuche starben, während nach Tornay in Budapest i. J. 1851 18,5 p. Mille der Christen, aber nur 2,57 p. Mille der Juden dieser Seuche erlagen. (Fortsetzung folgt.)