Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- Tischah-B'ab
- Date
- 1903-08-01
- Page
- Seite 559 - 560 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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559 Schalom Asch : Tischah-B'ab. 560 Bart, der an sein Gesicht angeklebt zu sein scheint, damit man die bleichen Wangen nicht sehe, steht auf der Treppe und betrachtet in mitleidiger Trauer den Knaben. Und es schien mir, als ob er mit seinen trockenen Lippen vor sich hinmurmelte; Einen traurigen Festtag macht er sich. Auch im Schulgässchen wird es still. Die Sonne ist schon längst hinter dem Rathaus versunken, hinten, auf dem Wege zum. Friedhof. Die Juden haben sich alle in der Schul, in dem Beth - Hamidrasch versammelt. Zuweilen sieht man eine Jüdin, werktäglich gekleidet, ein dickes Buch unter dem Arm, ein Lichtlein in der Hand. Sie geht mit gesenktem Köpfe, Auch die niedrigen Häuschen in der Gasse ducken sich krampfhaft zusammen, als fürchteten sie sich, weil sie ohne Juden und ohne Thora wie im Golus stehen müssen. Und scheinen sich zu dem Häuschen des Rebben hinzu neigen, um sich von dort Rat zu holen, was sie in dieser schweren Zeit tun sollten. Aus des Rebben Fenster lugt eine schwarze Traurigkeit heraus. Ein kleines Lichtchen funkelt in der Finsternis. Vielleicht, dass innen ein Toter am Boden liegt, zugedeckt mit einem schwarzen Leintuche, und ein Pfenniglicht am Kopfende! Aber der Rebbe lässt seinen Toten allein. In einem alten, zerrissenen Streimel, einem alten zerrissenen Rock und mit finster - betrübtem Gesichte geht er allein in Strümpfen über die spitzen Steine ins Beth - Hamidrasch hinüber. Ganz in sich versunken. Vielleicht wird ei bei den dort versammelten Juden Tröstung finden. Matschik zieht durchs Gässchen. Er kommt schon von der Weide heim. Die Kühe vorauf mit tiefgesenkten Schädeln und Matschik mit seinem Hunde, seinem Gehilfen, hinterher, und er spielt sich auf seiner Flöte ein Liedchen, just, wie. er es gestern getan des Abends und vorgestern. * ■ * -* Nacht! In der Schulgasse ist es nun totenstill Die Läden sind geschlossen, die Türen zugemacht. Der Mond wandelt einsam oben am Himmel, hoch über unsern Köpfen und blickt schweigend herab ins Schulgässchen und sinnt. Hinten, von irgendwo her, dringt durch den Spalt eines Fensterladens ein trauriger Singsang, der sich schnell ins Gässchen hineinzieht, ganz, ganz für sich, — ein Singsang ohne Zweck und ohne sonst wras — und er schwebt durch die Gasse, schwimmt fort und verhallt irgendwo in der Ferne, irgendwo im Gässel, dort nach dem Rathaus zu, auf dem Wege zum Friedhof. Aus einem Fensterspalt von des Rebben Haus schaut noch das einsame Jahrzeitlicht heraus. Für eine fromme Seele brennts! Und innen beim Rebben bleibt alles still. Der Mond wirft seine kalten Strahlen auf die grossen Scheiben des Beth-Hainidrasch. Drinnen ist alles finster. Huscht nicht etwas durch die Stille? Auf den Treppen des Beth-Hamidrasch liegt etwas — sinds Menschen oder Tote? — Die Haare zersaust, die Hände übereinander geschlagen. So lagen sie still da. Aber der Mond schwimmt vorbei und wirft seine kalten Strahlen auf die dort Liegenden. Die Schule ist mit schwerer Tür geschlossen, als häite man innen etwas gefangen und wollte es nicht herauslassen. Nur von einem kleinen Fenster in einem- Winkelchen an der Tür, dort, wo die „Chewre Thillim" sitzt, windet sich ein schwacher Lichtschein heraus und bricht sich im blassen Scheine an der gemauerten Säule, die vor der Schul steht und die Gallerie der Weiberschul stützt. Innen sitzt auf dem Platz der ,,Chevvre Thillim" irgend ein Mensch auf der Erde, und bei dem Scheine des schwachen Lichtchens starrt er in ein offenes Buch und sinnt. .... Bei der Rebbezin im Esszimmer haben sich die frommen Gemeindefrauen —die „Klei-Kaudisch- Weiber" —versammelt. Im Halbdunkel ist die Stube; nur Schatten huschen auf und nieder. Und auf der Erde hocken auf Kissen die Frauen umher, auf den Armen die schläfenden Kinder und lauschen' der weihevollen Stimme der Rebbezin, die in der Mitte des Kreises sitzt. Auf einem Stuhl liegt die „Zeenoh Ureennoh" aufgeschlagen, beleuchtet von dem matten Schein einer verräucherten Küchenlampe. Und die Rebbezin erzählt mit ihrer heiseren Stimme die Geschichte der Hannah und ihrer sieben Söhne. Ueber der Gerichtsstube beim Raw liegt das gleiche Halbdunkel. Aut dem Tisch brennt noch das Jahrzeitlicht, das in einem Topf mit Sand steckt. Und von dem Licht tropft der Talg herab in den Sand hinein. Auf der Erde, in einem Winkel, das Gesicht vergraben zwischen grossen Bücherstössen, sitzt der Raw. Zuweilen bläst ein Windhauch. Und es ist, als ob durch die Stube hindurchschreite ein schwerer Schatten. Und der Raw stützt sein Haupt in die müden Hände und sinnt. In der Gasse ists noch so still wie zuvor.