Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- Tischah-B'ab
- Date
- 1903-08-01
- Page
- Seite 557 - 558 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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557 Sehalom Asch: Tischah-B'ab. 558 letzten Bissen und macht sich dann bereit mit traurigem Gesicht, den tränenschweren Sang der Klagelieder anzustimmen. In der Gasse ist es still. Die Häuser stehen um den Markt herum und schweigen, als ob sie auf etwas warten. Bald kommt aus irgend einem Hause ein schlanker, blasser, magerer Jude. .Seinen trockenen Körper bedeckt ein weisser „ChalatUeber dem Kragen ragt ein langer, dürrer Hals hervor, auf dem sich ein schmaler Kopf mit blondem Haar und Bart und langer blasser Nase bewegt. Unter den Rockschössen gucken zwrei lange Füsse hervor, die keine Schuh, nur weisse Socken bedecken. Und der Jude geht auf den Socken über dieStrasseimmer wieder in dieHöhe schnellend, wenn er auf einen spitzen Stein tritt. In der Hand trägt er ein ungebundenes Buch. . Ein eigenes Bild! Man könnte glauben, er sei ein Schulklopfer, der die Toten in ihre Totenschule ruft. . . . Bald zeigt sich wieder ein Jude und noch einer. Aus jedem Haus kommen immer neue Gruppen in zerrissenen Röcken und weissen Socken wie Trauernde und gehen in tiefem Schmerz zur winkligen Schulgasse. Im Gässchen wirds stiller. Alles ist werktäglich. Lange, bleiche, werktägliche Juden. Niedrige, geduckte, werktägliche Häuschen. Und ein kalter, werktäglicher Vorabend, wie er gestern war und vorgestern, breitet sich dichter über das Städtchen. Und doch sind die Läden wie am Freitag vor Nacht geschlossen, und es scheint, als ob ihr Leben plötzlich mittenabgeschriitten wäre Und immer stiller wird es und dunkler. Mir ist, als ob der Leichenzug eines sehr grossen Rabbi über den Markt hinzöge . . . Mitten auf dem Markte am Brunnen steht noch eine Schar junger Leute, zum Teil Bachurim, die noch den letzten Trunk vorm Fasten nehmen. Die älteren Leute aber werfen, indem sie die Becher an die Lippen setzen, noch einen ängstlichen Blick zum Himmel, ob sich nicht — Gott bewahre! — etwa schon ein Sternlein droben gezeigt hätte..... Auf der andern Seite des Gässchens, dort hinter dem Rathaus, auf dem Wege, der zum Friedhof führt, stürmt eine Schar Jungens heran. Sie halten Kletten in der Hand und bewerfen sich damit. Wie es so Sitte ist im Ghetto. Voraus läuft ein Junge mit abgerissenem Rockkragen und macht vor der Treppe zum Beth - Hamidrasch halt, und winkt fröhlich den Juden zu, die dort stehen und zeigt mit der Hand auf seine gefüllten Taschen. Und er hat viele Taschen voll Kletten. Es ist eine Lust. . . Irgend ein kleiner Jude mit einem breiten