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Ost und West · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. Seite 527 - 528

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Jüdische Wirtschaftsgeschichte
Date
1903-08-01
Page
Seite 527 - 528 (sequence 1)
Language
German
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527 528 JUEDISCHE WIRTSC Von Lazar Fei „Jüdische Wirtschaftsgeschichte" war bislang ein in der Wissenschaft recht ungewöhnlicher Ausdruck. Die landläufige Annahme war, dass jener Zweig der Wirtschaftswissenschaft eigentlich nur in die Geschichte dieser Disziplin hineingehörte, nicht aber in die Gegenwart. Denn von einer spezifischen jüdischen Wirtschaft — im rein ökonomischen Sinne genommen — könne man doch nur im Altertum sprechen, nicht aber im Mittelalter oder gar in der Neuzeit, wo infolge der Diaspora die Juden überall die Wirtschaftsweise ihrer Wirtsvölker angenommen hätten. Aus diesem Geiste heraus sind einige wirtschaftswissenschaftliche Werke über die Juden des Altertums entstanden, die sich aber zumeist auf die Bibel als Quelle stützen und begreiflicherweise gerade dadurch für eine ökonomische Geschichtsschreibung nicht ausreichen. Eines der ältesten Werke in dieser Beziehung ist das von L. Reynier, De l'Economie publique et rurale des Arabes et des Juifs (1820), welches jedoch weit davon entfernt ist, eine lebensvolle Darstellung zu geben. Bedeutend wertvoller ist schon die Abhandlung von Herzfeld? Handelsgeschichte der Juden des Altertums (1894, 2. Ausg.). Allein hier ist nur ein Teil der Wirtschaft, allerdings in eingehendster Weise, behandelt. Den besten Einblick in das Wirtschaftsleben jener Tage gewährt noch immer die kleine Schrift von Franz Delitzsch, „Jüdisches Handwerkerleben zur Zeit Jesu" (1875). Eine eigentliche jüdische Wirtschaftsgeschichte existiert auch für das Altertum nicht, obgleich gerade die Juden ein reiches Gesetzesmaterial aus jenen Zeiten zur Verfügung hatten, wie es den übrigen Völkern nicht im entferntesten zur Disposition steht. Allein gewöhnt an eine durchaus spiritualistische Geschichtsschreibung haben unsere Gelehrten bisher dieses wichtige Glied in der menschlichen Gesellschaft, die ökonomischen Voraussetzungen, ausser Acht gelassen, woraus dann schliesslich als notwendige Folge entstand, dass wir zwar eine grossartige klassische Geschichte der Juden besitzen, aber eben keine jüdischeGeschichte. Kein Wunder, dass bei einer derartigen Erziehung des jüdischen Volkes, dieses in seiner eigenen Politik immer unpraktisch blieb, ohne jenen notwendigen gesunden Egoismus, ohne den jede Politik, die doch letzterdings immer der Oekonomie beruht, undenkbar ist. x P i n k u s (Genf). Obgleich man sich bewusst war, dass beispielsweise im Mittelalter die Juden als Wirtschaftsgruppen sich scharf unterschieden von ihrer Umgebung, obgleich eine ganze Richtung dem Antisemitismus der neuesten Zeit rein wirtschaftliche Motive zu Grunde legte, versuchte doch niemand diese Wirtschaftsweise der Juden in der Diaspora zu charakterisieren und ihre Zusammenhänge festzustellen. Wohl alle jüdischen Geschichtsschreiber haben mit einem gewissen Nachdruck auf die Tatsache der Verarmung Spaniens nach der Vertreibung der Juden und auf das aus der Aufnahme der Vertriebenen soviel Nutzen ziehende Holland hingewiesen. Und G r a e t z schreibt an einer Stelle ven den Juden Neapels Anfang des XVI. Jahrhunderts : „Die Ausweisung dieser Wenigen würde dem Lande nur zum Nachteil gereichen, weil sie nach Venedig übersiedeln und ihren Gewrerbefleiss- und ihre Reichtümer dorthin tragen würden." (Der Grosskapitän von Neapel an den König. Graetz, B. III., Volkstüml. Ausg., p. 144.) Bei dieser Erkenntnis wirkt es recht merkwürdig, dass niemand nach dem Grund dieser ausserordentlichen Aktivität, insbesondere auf dem Gebiet des Handels forschte. Denn der Gemeinplatz, dadurch, dass man die Juden durch Jahrhunderte hindurch zum Handelsgewerbe gezwungen hat, seien sie endlich ein Handelsvolk geworden, kann doch beispielsweise unmöglich für die Zeit vor der Völkerwanderung gelten, wo dieser jahrhundertelange Zwang doch noch nicht vorhanden war. Auch in der ökonomischen Fachlitteratur wird höchstens von dem spezifischen Handelsgeist der Juden gesprochen, ohne auf die Ursache dieser eigentümlichen Geistesrichtung weiter einzugehen. Höchstens taucht da oder dort die Ansicht auf, dass die Juden den Handel von den Phöniziern gelernt und übernommen hätten. Damit wurde auch die Tatsache erklärt, dass wir schon während des römischen Weltreiches Juden in Gemeinschaft mit römischen Kaufleuten beispielsweise in Germanien Handel treiben sehen. (Mommsen.) Ohne die Erkenntnis über den inneren Zuhang des „Handelsgeistes" der Juden war auch der Weg zu einer richtigen Auffassung der Judenfrage verschlossen. Diese Auffassung aber konnte nur auf historischem Wege gewonnen werden.

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