Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. Seite 525 - 526

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Leopold Horowitz
Date
1903-08-01
Page
Seite 525 - 526 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583913-2587524--03129-2587600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

525 B. Samuel: Leopold Horowitz. 526 sein Ab-oder Zutun, eine malerische Wirkung ausüben, den Beschauer anziehen. Und dieser Moment ist fast nie ein Moment der Erregung, der Steigerung der Persönlichkeit über ihr eigenes Ich hinaus, etwa wenn einer zum öffentlichen Auftreten sich anschickt oder in lebhafter Unterhaltung begriffen ist, sondern ein Moment der stillen Einsamkeit, da er sich von keinem beobachtet oder belauscht fühlt. Oft scheint Horowitz zu uns zu sprechen: „Seht, dieser Mann da ist hässlich, seine Formen sind verfettet, seine Züge sind gewöhnlich oder unedel; aber ich kenne ihn genau: in gewissen Momenten, wenn er mit sich allein ist, hat er ein Lächeln, einen Ausdruck, einen Blick, der den Maler interessiert. Hier ist er." In Wien, wo Horowitz seit 10 Jahren ständig domiziliert, hat er in Kaiser Franz Josef, der einer der feinsten Kenner und vorurteilslosesten Förderer der . Kunst ist, einen begeisterten Gönner gefunden. Die von Horowitz gemalten Kaiserporträts geben die ritterlich vornehme Gestalt und die milden, gütigen Züge des Monarchen trefflich wieder. Horowitz hat drei posthume Porträts gemalt. Man hat gegen das posthume Porträt dieselben Vorwürfe erhoben, wrie gegen den historischen Roman: sie seien unecht, weil der Künstler nur das getreu wiederzugeben vermöge, was er mit leiblichem Auge gesehen, selber unmittelbar miterlebt habe. Und doch giebt es historische Romane und Dramen, die zu den edelsten und wahrhaftigsten Kunstwerken der Weltlitteratur gehören. Und Horowitz hat mit seinen posthumen Porträts, besonders mit dem von Adam Mickiewicz und dem der Kaiserin Elisabeth, vielleicht seine grössten Triumphe gefeiert. Man vergisst eben, dass ein mit hoher l. HOROWITZ. Intuition und feinem Takt begabter Künstler aus authentischen Dokumenten oder verständnisvollen Schilderungen einen Heimgegangenen vielleicht noch besser und gründlicher kennen und verstehen lernen kann, als einen lebenden Zeitgenossen in gesellschaftlichem Umgange. So kam es denn, dass Horowitz1 Porträt des verstorbenen grossen Polendichters zu einer Zeit, da noch viele lebten, die ihn persönlich gekannt, so begeisterten Beifall fand, dass es vom polnischen Nationalmuseum zu Rapperswyl erworben wurde und die Reproduktionen davon zu den populärsten in ganz Polen gehören. Und von dem posthumen Porträt der Kaiserin Elisabeth war der Kaiser, sicherlich der kompetenteste Beurteiler, so entzückt, dass er seine Verwandten hinführte, um es anzuschauen, und der Künstler es auf seinen Wunsch wiederholen musste. Horowitz hat mittlerweile auch das Genrebild nicht vernachlässigt. Hierher gehören das niedliche, aber ein wenig an die Gartenlaubekunst erinnernde Bildchen „Der Erstgeborene" (im Besitz des Prinzen Philipp von Coburg), „Der Maler als Koch", „Der Schullehrer", „Der Philosoph ohne es zu wissen." Betrachtet man dasEggly-Porträt und die Kinderköpfe auf Horwitz' Kompositionen, so muss man bedauern, dass der Künstler nicht das Kinderporträtbeson. ders gepflegt hat- Die Kunstgeschichte kennt nur wenige bedeutende Kindermaler: Titian, Correggio, Murillo, Rubens. Die Darstellung der weichen, ineinanderfliessenden kindlichen Formen und Bewegungen, des Un- , ausgesprochenen, Unbevvussten — das ist ein Problem, welches diesen Künstler mit seiner leichten und anmutvollen Beherrschung der Schatten und der Farbe hätte TALMUD-UNTERRICHT, anziehen müssen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.