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Ost und West · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. Seite 515 - 516

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Leopold Horowitz
Date
1903-08-01
Page
Seite 515 - 516 (sequence 2)
Language
German
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515 B. Samuel: Leopold Horowitz. 5L6 Linien, zwischen Licht und Schatten gestellt, eine Vision ergeben, wie sie der Künstler nur einmal, erlebt. Und all das aus dem Modell heauszubringen und auf die Leinwand zu zaubern — darin liegt für den Bildnismaler die Entschädigung dafür, dass er auf die Künste der Komposition und der Perspektive verzichten rnuss. Auch Leopold Horowitz ist diesen Weg gegangen. Freilich hat auch er in seiner ersten Zeit Porträts gemalt, wie das wohl so mancher Kunstjünger, teils um der interessanten Studienköpfe, teils um des lieben Brotes willen tut; aber bevor er noch wusste, dass es ihm beschieden war, einer der besten Porträtisten unserer Zeit zu werden, drängte es ihn, sich in kleineren und grösseren Kompositionen auszuleben. Schon hier zeigt die Behandlung der Einzelfiguren so viele Bildniselemente, dass sie ahnen lassen, das Porträt sei die eigentliche Domäne des Künstlers. Leopold Horowitz wurde im Jahre 1837 in Rozgony bei Kaschau in Ungarn als Sohn eines Weinhändlers geboren und entstammte einem nach Ungarn ausgewanderten Zweige der in Polen so verbreiteten jüdischen Familie Horowitz. Die Eltern hatten ihn für die akademische Laufbahn bestimmt und Hessen ihn das Untergymnasium in Kaschau absolvieren. Schon früh trat bei dem Kinde ein hervorragendes Zeichentalent und, was damit Hand in Hand zu gehen pflegt, eine enorme Zeichenleidenschaft an den Tag. Er war so glücklich, dass dieses sein Talent von Eltern und Lehrern zunächst wenig beachtet blieb und daher in keine bestimmte Richtung gedrängt, in keine Schablone L. Horowitz: Portrait des Kaisers Franz Josef I. gezwängt wurde. Seine erste Lehrmeisterin war die Natur. Nach der Natur zeichnete er infreien Stunden, ohne strenge Anleitung, wie es scheint, nur vom Wettbewerb mit den Mitschülern angespornt. Die gelungene Lösung eines schwierigeren Problems, an dem sich zwei der jungen Zeichenadepten vergebens abmühten, lenkte erst auf das Talent des kleinen Horowitz grössere Aufmerksamkeit und bestimmte seine Eltern, ihm einen gediegenen Unterricht zuteil werden zu lassen. Den künstlerischen Neigungen des Sohnes gegenüber verhielten sich die Eltern indessen lange'noch skeptisch und abwehrend. Es war ein gefährlicher Weg, der zur Vernachlässigung der geordneten Studien für einen „bürgerlichen"Beruf führte, und wenn — was man in den Anfangsstadien nie genau wissen kann — das Talent nicht tragfähig und spannkräftig war, musste er anstatt auf den Höhen des Ruhmes, in den traurigen Niederungen einer verfehlten Karriere münden. Nur selten schlummert hinter dem leidenschaftlichen Drange zum künstlerischen Schaffen eine gleich grosse Kraft, und Leopolds Eltern hatten ein trauriges Beispiel einer solchen entgleisten Existenz vor Augen. Das war ein gewisser Emerich Roth, der sich lange und andauernd in Wien und Paris mit Kunststudien herumgeplagt hatte und doch schliesslich damit endete, dass er in seiner Vaterstadt Kaschau ein photographisches Atelier eröffnen musste. Doch hatte er wenigstens im Zeichnen eine grosse Fertigkeit erlangt, und hierin durfte Leopold Horowitz bei ihm Unterricht nehmen. Insgeheim hofften wohl die Eltern, dass Roth ihrem Sohne nicht nur

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