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Ost und West · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. Seite 507 - 508

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Zur Lage
Date
1903-08-01
Page
Seite 507 - 508 (sequence 2)
Language
German
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507 Nathan ja Sahirwi: Zur Lage. 508 allen den Forderungen, die nicht den granitnen Fels unzerstörbarer Volksinstinkte umwälzen wollten, nun der Liberalismus erschöpft — ausgeschöpft! — am Boden liegt, sind die Juden ganz isoliert. Undso wirr ist ihre Seele und so unmöglich verworren, so völlig zerfahren die ganze Lage, da.ss sie. dem giftigsten Feinde, den blutrünstigen Predigern der Blutlüge die Hand zum Bunde reichen. So haltlos ist ihre Stellung im Staate, dass sie den Mördern ihrer Ehre, ihrer Menschenwürde Gefolgschaft leisten müssen, nur um nicht als vaterlandsloses Gesindel zu gelten! . . . Das ist das Ende vom Liede: Weil sie „andere" waren, hat man sie verachtet. Sollten sie nun auch verächtlich werden? Die Menschenrechte, die man von der Höhe einer abstrakten Weltanschauung gegeben, hat man aus der Tiefe einer unversöhnlichen Volksseele genommen. Man ist der Juden satt. Ja, so übersättigt, dass unübersteigliche Dämme die Grenzen der Länder vor jedem Zustrom schützen. Wie töricht war der Jubelschrei, als im Vorjahr der Minister einer Grossmacht Protest einlegte gegen die ruchlose Behandlung rumänischer Juden, denen das edle Volk der Schweinezüchter alle Lebensmöglichkeiten raubt. Wie kurzsichtig musste man sein, wenn wir in dieser Note das getreue Gedächtnis der Grundsätze in der Freistätte aller Märtyrer und Heimatlosen feierten. Obwoi die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika nicht zu den Garantiemächten des Berliner Vertrages gehörten, hätten sie das gebeugte Recht wieder aufrichten wollen. Die Grundsätze Washingtons, Lafayettes, Franklins — sie' wären noch lebendig. Sankta simpiicitas! Vergass man die Rückseite? Vergass man die zittrige Angst bei den Leitern der Geschicke Nordamerikas, dass nur nicht zu viel Juden ins Land kämen! Amerika versuchte Rumänien zu zwingen, Verhältnisse zu schaffen, welche die Juden nicht zur Auswanderung drängten. Und als in diesem Jahre wieder die Blutmär in die dürren Strohköpfe geworfen war, dass sie in heller Lohe aufflammten und ein Wehschrei durch die ganze Welt erdröhnte ob all der schuldlos Hingemordeten, da sprach man auch von den Protesten der nordamerikanischen Regierung, glückstrahlend wegen der noch nicht ganz gestorbenen Menschenliebe. Auf das Drängen einflussreicher, jüdischer Kreise hin hatte Roosevelt einen so ungewöhnlichen Schritt unternommen, unternehmen — wollen, sich „in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes" — einer andern Grossmacht! — zu mischen. Es schien fast, als ob es — Gott "bewahre! — zum Kriege kommen wollte. Und wir Juden wurden, stolz. Aber verstanden wir nicht, warum sich die führenden Männer der Vereinigten Staaten so leicht, somerkwürdig leicht, so mehr als überraschend leicht zu etwas „drängen" Hessen, das "ganz, wenigstens fast ganz so aussah, wie ein ernster Schritt? Es schien beinahe, als ob die reichen Juden New Yorks eigentlich die Regierung in der Tasche hätten. Und dann? . . Plötzlich hiess es: „Die Angelegenheit ist erledigt." Wie? Wodurch? — Sie war erledigt! Es war ein geschicktes Manöver. Die Vertreter Nordamerikas konnten sich stolz an die, Brust schlagen: Die „Menschenrechte" hatten sie gewahrt mit offenen Herzen. Nur die Einwanderung war verwrehrt mit geschlossenen Barrieren. .... Nicht viel anders geartet sind die Verhältnisse in England. Wenn auch noch keine glatten Bestimmungen gegen die Einwanderung von Juden vorliegen, so ist es doch klar, dass die Emigration bereits ein Problem für. die. Engländer geworden ist! Und schon die Fragestellung ist bedenklich. Am Anfang war immer, die Frage! So viel ist gewiss, dass schon heut England seine Aufnahmefähigkeit überschritten hat und für einen grössern Zuzug bedürftiger und — bedürfnisloser Juden kaum noch in Betracht kommt. Dazu bereitet sich in dem Inselreiche ein tiefgehender Wandel vor. Unter dem Hochdruck der Schutzzollpolitik der übrigen Grossmächte werden trotz aller Gegenwehr die grossen Grundsätze von Adam Smith, Cobden, John Bright, Robert Peel allmählich, aber bestimmt zurückweichen, und das klassische Land der Freiheit in Handel und Wandel wird in Bälde den „Schutz der nationalen Arbeit" auch zu seinem Prinzip erheben. Dass der Schutz der nationalen Arbeit aber folgerecht zum Schutz der nationalen Arbeiter führen muss, ist einleuchtend. Dieser Schutz — in seiner Bedeutung über alles Mass durch die imperialistischen Pläne mit ihrem engsten ideellen und wirtschaftlichen Zusammenschluss des Mutterlandes mit den Kolonien gesteigert — wird mit eisernen Riegeln das Eldorado der Vertriebenen nunmehr für starke Einwanderung absperren. . . . Wohin wir auch hilfesuchend unsere Blicke wenden, überall, allüberall die gleiche abwehrende Geste. Dass die Zustände sich zu dieser verhängnisvollen Einklemmung entwickeln mussten, haben alle die seit einem Dezennium erkannt, welche die Judenfrage nicht zwischen den Gängen eines

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