Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Die größte Schule der Welt
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 469 - 470 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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469 470 MUSIKKORPS. (Zum Artikel: „Die grösste jüdische Schule".) DIE GROESSTE SCHULE DER WELT. Von E. D. Bernhard (London). Da London die grösste Stadt der Welt ist, so ist es auch begreiflich, dass es auch die grösste Schule der Welt besitzt; seltsamerweise ist das aber keine englische Schule, sondern eine freie Schule für Judenkinder. Der Osten von London ist bekanntlich fast ausschliesslich von Ausländern bewohnt. Man kann dort durch ganze Strassenzüge gehen, ohne auch nur einen einzigen englisch aussehenden Menschen zu treffen. Den weitaus grössten Prozentsatz zu diesen Fremden stellt zweifellos das jüdisch-polnische Element. Der Teil von Ost-London, den man unter dem Namen „Spitalfields" kennt, ist fast ausschliesslich von Israeliten bewohnt, und wenn man dort durch Belle Lane, eine der vielen kleinen Gassen, um die Mittagsstunde oder nachmittags um 4 Uhr geht, so werden einem unendliche Scharen von Kindern auffallen, deren dunklere Hautfarbe und schwarzen Haare verraten, dass sie nicht aus England stammen. In dieser Strasse steht nämlich die grösste Schule der Welt, die täglich um diese Zeit die unzähligen Kinder jüdischer Nation nach dem Unterricht entlässt. Man muss sich wundern, wie es möglich ist, in einer so grossen Schule einen Ueberblick über diese endlosen Scharen zu behalten, die wie eine rollende See sich durch die Strassen bewegen. So ist es kein Wunder, dass die jüdische Gemeinde mit Stolz und Dankbarkeit auf diese Einrichtung blickt, die sich für die Kinder der ärmerenFamilien, Arbeiter und Flüchtlinge im Ostende der Riesenstadt als ein solches Glück erwiesen hat. 4000 Kinder werden dort täglich, ohne dass sie einen Pfennig zu zahlen haben, unterrichtet, und viele erhalten dort auch Speise und Trank. Wie viele unglückliche Flüchtlinge, die ihr Geburtsland verliessen, in der Hoffnung ein neues Heim in London zu finden, segnen diejenigen, die diese Schule erbaut haben, die ihnen heute wenigstens die Erziehung der unschuldigen Kinder abnimmt. Es lässt sich nicht mehr feststellen, wann diese Schule erbaut worden ist. Vom Jahre 1817 an liegen Jahresberichte vor, aber man wreiss, dass auch schon vorher, z. B. im Jahre 1791, eine kleine Schule bestand, die den armen Kindern jüdischer Eltern Unterricht und Kleidung gab. Sie dürfte so ziemlich auf demselben Platz gestanden haben wie die gegenwärtige. Im Jahre 1817 wurde die Schule vergrössert; und im Jahre 1855 wurde ein Gebäude erbaut, das für 600 Knaben und 300 Mädchen eingerichtet war. Aber von Jahr zu Jahr wurden die Gesuche von Eltern, die ihre Kinder dort unterrichten lassen