Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Affen-Cohn
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 467 - 468 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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467 Max Hochdorf: Affen-Cohn. 4G8 allmählich auseinander. Affen-Cohn war heute garnicht betrübt, dass man lieblos an ihm vorüberging, und kaum jemand ihm ein flüchtiges „Alles Gute" zuwarf. Er war heute so stolz und lachte über all die Narren, die über ihn lachten. Warum auch nicht. Er hatte ja den grossen Wechsel auf-- worauf denn? — An den Häusern ging Affen-Cohn entlang wie ein Bergwicht, ganz klein, ganz mager, ganz schrumplig und ganz still. Aber in seinem Innern tönte es und klang es und jauchzte es wie Psalter und Harfen. So viel hatte er zu sinnen vom Glück, dass er garnicht daran dachte, man müsse jetzt heimgehen zu den Seinen. Unvermerkt war er auf freies Feld gekommen, wo die Häuser schon aufhören und er allein dastand, allein mit sich und seinem Glückstaumel. An einem Waldesrand schritt er vorwärts, der längs eines Grabens sich hinzog. Es war ganz dunkel, ein tropfender Herbstnebel. Um den Mond stand ein matter Hof, und die Lichtstrahlen flimmerten trübe auf dem schmutzigen Grabenwasser. Nur stellenweise wurde es ganz durchsichtig hell, und ein Chausseekaikstein stach grell in das Dunkel. Affen-Cohn war etwas müde und setzte sich auf solchen Block am Wege. Das Gebetbuch war in den Sterbekittel und Tallith sorgsam eingewickelt. Er hielt das Bündelchen auf dem Schoss und sass eine Weile regungslos. Wundersam, erst tiefer, allwaltender Friede, und dann schwang es sich vom Himmel herab, ein tastender, süsser Gesang, von dem sich die ganze Luft erfüllte. In der Finsternis tanzten rote, glühende Flämmchen. Die huschten am Boden hin, wiegten sich auf den Grasköpfen, kletterten an der Baumrinde empor und kreisten vergnüglich auf den ausgefaserten Blättern. Sie wuchsen und wuchsen und züngelten eine zur anderen hinüber. Da waren es Engelchen, rund und feist, die sich an den Patschhändchen hielten und lustig Ringelreihen tanzten. Sie waren gut und freundlich zu Affen-Cohn und warfen ihm lachend Kusshändchen zu. Er kam sich vor wie im Paradiese. Seine arme, zerbröckelte Seele, wie hatte man sonst an ihr gezupft, sie gequält und gemartert. Jetzt liebte man ihn, und Liebe thut wohl, ist mild und wärmend. Immer dichter wurde der Engelskreis. Sie berührten ihn schon, nahmen ihn zärtlich bei den Händen, und er musste mit ihnen gehen über Rosenfelder und Beete duftender, wonnigblauer Veilchen. Dann liess er sich mit ihnen auf erquickend-weichemRasenteppichnieder. Sie schmiegten sich an ihn und küssten ihm die Stirn, die Augen und Wangen. In der Welt ist es himmelsschön und gottesherrlich. Ein Engelchen kam auf ihn zu und bat artig, dass er aufstehen möge. Dann nahm es aus dem Bündel den Gebetmantel, den Tallith, die Mütze und das Machsor. Aber alles war so rein und strahlend. Geschäftig zogen sie ihn an. In weisses, leuchtendes Linnen kleideten sie ihn. Auf sein Haupt setzten sie die Mütze, deren breite, helle Borte ihm wie ein Königsring vorkam. Ganz in Elfenbein war das heilige Buch gebunden, mit Silberbuchstäben die Worte auf glänzendes Pergament gedruckt. So hat Aron gebetet, dessen Nachkomme er war, er der Affen-Cohn, der Krüppel des Glücks. Gott wartet lange und zahlt reich. Herrlich, herrlich ist der Gott Zebaoth. All seine unendliche Güte strömte er jetzt auf ihn hinüber. All seine Weltenstärke fühlte er quellend in den Adern. Hochaufgerichtet stand Affen-Cohn da. Das Machsor hielt er wie ein Schwert empor. Er war nicht mehr klein, grösser und mächtiger wurde er, wie Simson, der Held. Er betete mit gewaltiger Stimme, die wie ein Donner zum Himmel aufdröhnte. Weit schallte sie übers Feld hin, über die Baumkronen nach Stolzenhagen. Dort vernahm man staunend das Wunder. Man lauschte und spähte und wanderte hinaus zu den Thoren. Draussen aber stand Affen-Cohn, leuchtend und schimmernd. Sie erschauerten und waren zaghaft, ihm sich zu nahen. Er aber sprach freundlich zu ihnen. Und sie kamen heran, Männer und Frauen, Kinder und Greise, und küssten den Saum seines Kleides, eine demütige verehrende Schar. Jetzt war Affen- Cohn gross. Er flehte für sie alle, und als er geendet, sprach er laut und vernehmlich: Amen, Amen!! — — Am folgenden Tage fischte man ein Bündel aus dem Stadtgraben, und bald wurde die Leiche des Affen-Cohn angeschwemmt. Er wrar auf dem Chausseesteine eingeschlafen und schlafend ins Wasser gestürzt. Dort war er ertrunken und hatte vorher den seligen Traum geträumt. — Ob nun ein Mensch glücklicher ist als der Afren-Cohn?