Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Affen-Cohn
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 463 - 464 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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463 Max Hochdorf: Affen-Cohn. 464 Die war ganz runzlig und schmutzig geworden. Sie passte zu ihrem Träger und war ein Sinnbild des Affen-Cohn, den das Leben eingedörrt hatte. Aus seinem Kittel schaute er heraus wie ein Schneemann, der im Januar gebaut wurde und sich im März noch kümmerlich behauptet. Aber er wusste nichts davon. Regungslos vom Morgen bis Abend sass er auf seinem Platz, sein Gesicht war ruhig und abgeklärt. Er las im Machsor andächtig und hingegeben und sang die Gebete vor sich hin im lallenden, leis zitternden Rhythmus. Wenn die Thora ausgehoben wurde, lebte er in Augenblicken höchster Verzückung. Fern, fern von dieser Welt, sah er zur Lade hinauf, zu dem damastenen Vorhang, auf dem ihm der Davidsschild entgegenglänzte in goldenen, flimmernden Borten. Wie reich er doch war, wie überreich. — Er wusste garnichts mehr von dieser Erde. In ihm hatte sich jede Erregung geebbt. Seinem Gotte fühlte er sich nah, als streife er ihm die Wange. Dort sah er ihn aut dem Sonnenstrahl, der am rotbunten Fenster hinspielte« Hier sang er vor dem Bajith Hakaudesch; und er hörte das Summen ganz deutlich. Es war ein zärtlicher, weicher Ton. Der schmeichelte und füllte sich ins Ohr, als sänge Mirjam dem Knäblein in der Schilfwiege ein Schlummerlied. Ein Märchen, ein Wunder. Alles Licht und alles Klang. Alles milde und alles süss. Keine Last und lauter Freude. „Der Du uns ausgewählt vor allen Völkern/' — Er war solch Auserlesener. Er fühlte es an einem leisen Schauer, einem Erbeben des ganzen Körpers, nicht schmerzhaft und nicht quälend, lösend, befreiend, beruhigend, erquickend. — Sacht, sacht rannen ihm die Tränen aus den heilig weinenden Augen. Andere Tränen als er sonst vergossen hatte, glückliche, friedliche Tränen der Zufriedenheit und Stille. Er bewegte den Mund erst lautlos, dann kam es zagend und schmelzend hervor: „Schma kauleinu", „Gott, meine Stimme höre", und endlich floss es dahin, ein heisses, flehendes Gebet, das sich an die Himmelsleiter mit allen Herzensfasern anklammert. Erst verschlang er die krausen Buchstaben, die Seiten mit den Bitten und Versprechungen sog er in sich hinein, und dann schloss er die Augen. Er sah nichts mehr von dem gedruckten Texte. Es strömte aus ihm von Qualen und Lust, Wünschen und Begierden, Zufriedenheit und Entsagung. Alles ward Gebet, ein lodernder Flammenschrei der Seele, die nur glücklich ist einmal im Jahre. — Er stand da mit nassem Gesichte, erschöpft von der Innigkeit seines Gebetes, und ruhte aus von dem Busswerke. Um ihn war es so drückend, so schwül und von lastender Spannung. Man fühlte, dass all diese Männer in einem grossen Augenblicke sich befanden. Und dann klang es von vielen bebenden Lippen: „Wir haben gesündigt Gott, Gott, gesündigt haben wir." Sie schlugen sich an die Brüste, und stöhnend sprachen sie die düstere Jahresbeichte, dem Vorbeter mit schluchzender Stimme folgend. „Schuld haben wir uns aufgebürdet, auf Abwegen uns Gott entfremdet, das Wort und die Treue gebrochen, gelästert und geflucht." Wer weiss, wo die Seele sich bettet. Und darum lösten sie bangend das Sündenbekenntnis. — — Im Affen-Cohn war alle Seelenhelligkeit erloschen. Er verstand das nicht. Er sagte zwar auch: „Ich habe gesündigt." Aber dann fragteer: „Wann, wo, wie? Gegen mich hat man gesündigt, gegen mich hat man gespottet und geschmäht, war man tückisch, voller Feindschaft und Härte! Doch ich?" — Er presste das Machsor mit krampfenden Fäusten. Er konnte das Sündengeständnis nicht beendigen und musste schweigen. — Ihm war zu Mute wie einem Tagesschmetterling. Lechzend heftete er sich an alle Süssigkeiten des Gottesdienstes. Und wenn auch oft die Bitterkeit untersickerte, so hatte er sich doch am Abend zur völligen Seligkeit durchgeweint und durchgebetet. Ein Glanz von prophetischer Weihe lag auf seinem Gesichte — Gott hat geschrieben, Gott hat gesiegelt. Im neuen Jahr ein neues Glück. Seine Hoffnung war stark und blühend. Sie wob ihn ein, weich und zärtlich. Er war so voll von Zukunft, vom schönen, leuchtenden Einst. Hinter ihm lag alles Leiden, die Erniedrigung, unter der er geseufzt hatte. Das war jetzt zu Ende und begraben. In allen Nerven fühlte er es, die wie lieblich tönende Saiten das Innere ihm wohlig durchtönten. Von einem unendlichen Vertrauen wurde er erfüllt, als habe er Gottes Wort: Im neuen Jahre ein neues Glück. Und dieser Gott war gross, der ihn so erheben konnte, den armen, gequälten Affen- Cohn, ihn, das Stiefkind der Natur. — — Dreimal rief er es mit dem Chore zum Himmel empor, das „Höre, Israel, Gott ist einzig," und dreimal war ihm zu Mute, als würde er auf den dröhnenden Schallwellen emporgetragen zu ihm, seinem Vater, zu ihm, seinem milden, gütigen, strahlenden Herrn, dessen Huld er spüren sollte wunderbar und herrlich. — — .— Der letzte Ton aus dem W7idderhorn erstarb wie ein Ade-Ruf an den grossen Sabbath, und freundlich sich beglückwünschend, ging die Gemeinde