Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Eine Apologie des Judentums
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 443 - 444 (sequence 6)
- Language
- German
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443 A. D. Bender: Eine Apologie des Judentums. 444 religiösen Leben an Hohem und Grossartigem, Emporziehendem und Erhebendem da ist, „vermisst" Herr Prof. Bousset im alten Judentum, wobei seine souveräne Unkenntnis ihm ausgezeichnete Dienste als Scheuklappe leistet. Was er nicht weiss, und das ist sehr, sehr viel, existiert ja ohnehin nicht für ihn. Und wenn er in seinen Nachschlagewerken so manches findet, das in die von ihm zurechtgemachte Schablone nicht hineinpassen will, dann heisst es: Ach ja, freilich — aber das ist gar nicht so gemeint, das besagt nichts; man hüte sich, zu idealisieren! Es ist ein wahrer Genuss und erweckt das Gefühl der Befreiung, den Ausführungen Perles' zu folgen, der in schlichter und vornehmer Weise die Haltlosigkeit der Aufstellungen Boussets nachweist und zwar durch einfache Anführung der litterarischen Zeugnisse, die der Herr Professor „übersehen", arg missverstanden oder in unverzeihlicher Weise verkannt hat. Unter der Hand entrollt Perles so in grossen Zügen das wahre Gemälde des jüdischen Seelenlebens in der so bedeutsamen Periode der endgiltigen Krystallisierung unserer Religion. Perles hält hier gründliche Abrechnung nicht nur mit Bousset, sondern mit jener ganzen Sorte von vordringlicher, besserwisserischer Gelehrsamkeit, die sich in den letzten Jahren, zumal auf dem in Rede stehenden Gebiete, in so unangenehmer Weise bemerkbar macht. Sowohl die kritische als die positive Seite seiner Schrift machen sie zu einer der lesenswertesten der jüngsten Zeit. Aber wenn man das Buch mit dem Gefühl der Dankbarkeit gegen den Verfasser aus der Hand gelegt hat, drängen sich einem mancherlei Betrachtungen auf, die man nicht unterdrücken kann. Beinahe ein volles Jahrhundert ist die jüdische Wissenschaft in Deutschland alt, deren Instrument die deutsche Sprache ist; drei Generationen jüdischer Forscher haben fast ausnahmslos in dieser Sprache die Früchte ihrer mühsamen, aufopferungsvollen und ertragreichen Lebensarbeit niedergelegt. Eines der Hauptmotive, die hebräische Sprache aufzugeben, die seit jeher das Organ der jüdischen Wissenschaft gewesen, war das Bestreben, den Inhalt, die Lehre und die innere Entwickelung des Judentums aller Welt zu offenbaren. Auch das nichtjüdische gebildete Publikum, besonders aber die wissenschaftlichen Kreise sollten sich fortan bei einigem guten Willen über alle jüdischen Probleme orientieren können. Deutsch ist die Sprache der jüdischen Prediger, deutsch wird die jüdische Religion und Sittenlehre vorgetragen. Und was wurde erreicht? Am 5. Juni 1900 schrieb ein konservatives Mitglied des Herrenhauses an Prof. Strack — nebenbei bemerkt, einen der wenigen nichtjüdischen Gelehrten, die in unserem Schrifttum wirklich heimisch sind, — „es sei auffallend, dass auch die sog. wohlgesinnten Juden niemals etwas tun, um die jüdischen Sittengesetze aller Welt zu offenbaren, im Gegenteil, allen Bestrebungen in dieser Richtung hartnäckigen Widerstand entgegensetzen."1) Giebt es einen bittereren Hohn auf die oben gekennzeichnete Bestrebung der jüdischen Wissenschaft? Doch könnte man sich ja hier damit getrösten, dass ein hochgeborener Gesetzgeber im Pferdestall besser Bescheid weiss, als in der Wissenschaft, und daher von der immensen Arbeit jüdischer Gelehrten, um die Lehre des Judentums „aller Welt zu offenbaren" nichts zu wissen braucht. Was soll man aber dazu sagen, wenn ein gelehrter Professor, der, mit höchst unzulänglichen Mitteln ausgerüstet, es unternimmt, über das Judentum zu schreiben, die bahnbrechenden und epochemachenden Arbeiten jüdischer Forscher einfach ignoriert? Vor kurzem forderte in einer Berliner jüdischen Zeitschrift ein jüdischer Gelehrter die Juden auf „den Ruf nach Lehrkanzeln für die "jüdische Wissenschaft an den Universitäten zu erheben." Wahrlich ein Gedanke von holdseliger, rührender Naivität! Sind die Juden daran gewöhnt, dass die Rufe, die sie erheben, berücksichtigt werden? Und fände sich ein strebsames jüdisches Millionärchen, das „höherenorts" die nötigen Summen für derartige Lehrkanzeln zur Verfügung stellte, glaubt man, dass aus solchen Quellen dann eine tiefere Auffassung und gerechtere Würdigung des Judentums fliessen würden? Würden es nicht vielmehr die Gesinnungsgenossen der Bousset, Harnack, Delitzsch, oder gar des hoch oben so beliebten Chamberlain sein, denen die Aufgabe zufiele, die Welt über das Wesen, den Lehrgehalt und die innere Entwicklung des Judentums aufzuklären? ... . Nein, nicht den Ruf nach Lehrkanzeln, sondern den Ruf nach tieferer und allgemeinerer Erkenntnis des Judentums unter den Juden sollen wir erheben. Am letzten Ende kommt es für Individuen wie für Völker nicht darauf an, was Andere von ihnen halten, sondern wie sie selber im tiefsten Innern über sich denken. Eine Lebensfrage für uns ist nicht, wie protestantische Theologen das Judentum und dessen weltgeschichtliche Bedeutung beurteilen, sondern was wir in dem Judentum an geistigen und seelischen Hilfsquellen besitzen und ob wir aus diesen Hilfsquellen auch hinreichend für unser Gedeihen schöpfen. Das Judentum für die Gegenwart immer von neuem lebendig zu machen, seine vertiefte Kenntnis derart zu verbreiten, dass ein jeder Jude und eine jede Jüdin nach Massgabe ihrer allgemeinen Bildung über die wichtigsten jüdischen Probleme orientiert sein sollen, das sei unsere Aufgabe. Und die Lehrkanzeln hierfür haben sich nicht an den Universitäten, sondern im jüdischen Elternhause zu befinden, in den unteren und höheren jüdischen Lehranstalten, und nicht zuletzt in den Organen der jüdischen Publizistik. *) Strack: Sind die Juden Verbrecher von Religionswegen? Leipzig 1900. S. 19.