Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Eine Apologie des Judentums
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 439 - 440 (sequence 4)
- Language
- German
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439 A. D. Bender: Eine Apologie des Judentums. 440 nach den Quellen ein Urteil zu bilden, häufig mit blindem Vertrauen sich die Meinungen derartiger Bücher aneignen, deren mit professoraler Autorität ausgestattete Verfasser ihnen als unfehlbares Orakel gelten. Es ist daher doppelt dankenswert, dass Perl es es unternommen hat, dem anspruchsvollen Buch eine kritische Beleuchtung zuteil werden zu lassen. Obgleich aber die Schrift als Polemik auftritt, so ist sie doch ein in sich vollkommen selbständiges Gebilde, trotz strenger Wissenschaftlichkeit flott und elegant geschrieben, massvoll und ruhig im Tone, trotz der aus jeder Zeile sprechenden verhaltenen Wärme sachlich und objektiv. Nur hie und da von einem Blitz leiser, feiner Ironie durchzuckt, bietet sie uns. eine äusserst knappe, aber klare und lichtvolle Analyse der wichtigsten Probleme der jüdischen Religionsgeschichte im Rahmen der Weltkultur. Obgleich der Verfasser sich zunächst an die Fachkreise wendet, so erheischt seine Schrift zum Verständnis keine eigentlichen spezialistischen Fachkenntnisse, vielmehr führt sie den Laien sachte in die einschlägigen Fragen ein und fesselt sein Interesse derart, dass er sich bald gedrängt fühlen muss, dem Gegenstand ein eingehenderes Studium zu widmen. Prof. Bousset hat, wie Perles ihm nachweist, seine angebliche Kenntnis des Judentums, auf die er seine Theorieen bauf, keineswegs unmittelbar aus den Hauptquellen, wie Talmud und Midrasch, geschöpft, da diese ihm nur in sehr geringem Maasse zugänglich sind, sondern holte sich seine Erleuchtung aus Uebersetzungen und Bearbeitungen zweiten und dritten Grades, oder, aus Nachschlagewerken. Dabei ignorierte er, mit sehr wenigen Ausnahmen, fast die ganze so überaus reichhaltige Litteratur der Werke jüdischer Forscher in deutscher Sprache über das nachbiblische Judentum und zog es vor, sich von — Webers „Jüdischer Theologie" belehren zu lassen. Aus den bei anderen vorgefundenen Zitaten flickte er sich ein eigenartiges, ganz originell aussehendes Bild von der altjüdischen Welt- und Lebensanschauung zusammen, die mit der wirklichen verzweifelt wenig Aehnlichkeit hat, hierbei nur dem für dieses, aber auch für dieses Gebiet allein von Wellhausen aufgestellten Prinzipe folgend, „dass man hier das Einzelne ohne das Ganze verstehen könne", — ein Prinzip, weiches wohl kein Mensch wagen würde, für irgend einen anderen Zweig der Wissenschaft aufzustellen, ohne steh dem Vorwurf der' Leichtfertigkeit auszusetzen. Dafür benutzt ßousset aber ausgiebig die ihm sehr wohl vertrauten Apokryphen und Pseudoepigraphen, eine Litteraturgattung, die von dem wirklichen, sozusagen offiziellen, allgemein gültigen, von der Gesamtheit anerkannten Judentum unbeachtet gelassen und schliesslich ganz ausgeschieden wurde, so dass sie nicht nur auf die weitere Entwicklung, sondern wahrscheinlich auch auf die Zeitgenossen einen sehr minimalen Einfluss ausgeübt hat. Dieses abseits stehende Schrifttum repräsentiert höchstens die Neben- und Unterströmungen des Judentums, die freilich in einem Gesamtbild nicht fehlen, darin aber noch weniger die Hauptzüge ausmachen dürfen. Boussets Hauptquelle für die Erkenntnis des alten Judentums bildet aber das — Neue Testament, von dem er jedoch selber bekennen muss, dass man sich im Lichte seiner einseitigen Polemik eine falsche Vorstellung von dem Judentum seiner Zeit macht. Da also das wissenschaftliche Bewusstsein des Herrn Prof. Bousset nur wenig von gründlichen Fachkenntnissen beschwert war, dagegen ihn der löbliche Drang beseelte, den Hintergrund des Judentums so schwarz als möglich zu malen, damit das Bild der Tochterreligion sich davon um so leuchtender abhebe, so ist es kein Wunder, dass in seiner Darstellung das Antlitz der jüdischen Religion uns wie aus einen Zerrspiegel entgegenschaut. Unter diesen Umständen gebricht es Herrn Bousset natürlich vollständig an der Fähigkeit, sich in das Geistes- und Gemütsleben >les talmudischen Judentums hineinzufühlen und von innen heraus die Tatsachen und Erscheinungen, auch wo sie klar zu Tage liegen, zu begreifen. Vollends verschlossen bleibt ihm die Welt eigenartiger Poesie, das innerliche Weben der jüdischen Volksseele, wie es uns die Sagen, Märchen, Gleichnisse und Parabeln der Aggada aufbewahrt haben. Eins nur weiss er: im Christentum findet sich vieles, was er ablehnen möchte, weil es seinem geläuterten sittlichen und ästhetischen Bewusstsein eines modernen Menschen nicht zusagt; — all das ist ein Erbteil des Judentums; es findet sich andererseits viel Edles und Erhabenes in der christlichen Lehre; all das hat das Christentum „aus sich selber heraus*. Daraus folgt, dass dem Judentum nicht nur alles und jegliches Verdienst um die Menschheit in sittlicher und religiöser Beziehung abzusprechen ist, sondern umgekehrt, man ist berechtigt, ihm die Schuld an allen Uebeln und Gebrechen, an allen dunklen Seiten im religiösen Leben der heutigen Völker zuzuschieben. Findet Bousset aber litterarische Üenkmäler und tatsächliche Erscheinungen, die ihm beispielsweise das Urteil abnötigen, dass „hier sich eine nicht unbeträchtliche Verfeinerung und Nuanzierung des sittlichen Urteils auf allen Gebieten" bemerkbar mache, so hat er rasch ein bequemes Auskunftsmittel bei der Hand, indem es ihm „scheint", dass hier das — Griechentum der Lehrmeister des Judentums gewesen seil Um sich von der „Gefahr, zu idealisieren" (das Judentum nämlich) möglichst fern zu halten, zitiert er die neutestamentlichen, zu polemischen und propagandistischen ^wecken dienenden Aeusserungen über das alte Judentum als untrügliche Wahrheiten und lässt die unzähligen Belegstellen aus dem Talmud, die gerade das Gegenteil beweisen, unbeachtet; wo sie sich ihm aber, selbst in seinen sekundären Quellen, aufdrängen, leistet er es sich wenigstens, sie an versteckten Stellen in kleiner Schrift anzuführen. Eine tiefere, „sittliche Auffassung von der Ehe" und von dem Wesen der Frau überhaupt ist eine sehr schöne Sache. Daher muss