Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1903)
- Article
- Ein notwendiges soziales Hilfswerk
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 425 - 426 (sequence 2)
- Language
- German
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425 Fabius Schach: Ein notwendiges soziales Hilfswerk. 426 Die Dienstmädchenfrage, ist heute nicht nur ein dankbares Gespräch beim Kaffeeklatsch, sondern sie wird für die jüdischen Familien in Deutschland und Oesterreich, von rituellen Rücksichten ganz abgesehen, immer mehr zu einer ernsten Frage. Es wird für jüdische Familien immer schwieriger, geeignete Mädchen zu finden. Viele christliche Mädchen erklären von vornherein, sie gehen nicht zu Juden in Stellung und wenn sie schon so herablassend sind, eine jüdische Stellung anzunehmen, dann muss man sich, was sicherlich sehr schmachvoll ist, vor ihnen schämen, eine jüdische Zeitung zu lesen. Man muss gewissermassen sein Judentum wie etwas Niedriges vor ihnen verbergen. In anderen Ländern Westeuropas und in den Vereinigten Staaten Nordamerikas ist es eher noch schlimmer als besser. Dabei hat es ein Dienstmädchen in der Regel viel besser und leichter als eine Fabrikarbeiterin. Die Dienstmädchen bekommen in Deutschland durchschnittlich monatlich 20 bis 30 Mk. Gehalt, gute Kost und ein eigenes Schlafzimmer. Dazu kommen in vielen Fällen nennenswerte Trinkgelder und Geschenke. Ihre Arbeit erstreckt sich höchstens auf sechs bis acht Stunden täglich und ist lange nicht so intensiv und kraftverzehrend wie die Fabrikarbeit. Meistens behalten sie noch Zeit genug, für sich selbst zu nähen und zu stricken. Nach Abzug aller notwendigen Ausgaben können sie meistens noch etwa zweihundert Mark jährlich ersparen. In Amerika sind die Verhältnisse noch weit günstiger. Die Mädchen sind sozial und sittlich geschützt und bilden häufig Teile der Familie. Man sehe sich die meisten Mädchen an, sie führen ein sorgloses Leben, sehen frisch und kräftig aus. Und nun vergleiche man damit die finsteren, welken Gesichter der Fabrikarbeiterinnen! Es ist gar kein Zweifel, dass dieser Beruf für die Proletariertöchter in jeder Hinsicht der beste ist. Man könnte mindestens fünftausend jüdische Mädchen in den jüdischen Familien Westeuropas und Amerikas gut unterbringen, und man könnte ihnen und den jüdischen Familien damit den besten Dienst leisten, wenn man die Sache richtig anfasst. Aber die Mädchen müssten eine entsprechende Erziehung geniessen und für ihren späteren Beruf gründlich ausgebildet werden. Es ist ein Irrtum, wrenn man glaubt, dass jedes Mädchen Wirtschafterin oder Köchin werden könne. Wir leben in einer Zeit, wo alles gründlich erlernt sein will. Daher müssten in Russland und Galizien grosse Wirtschaftsschulen für diese Mädchen gegründet werden. Dort sollten sie Kochen, Nähen, Stricken und alle Hausarbeiten gründlich theoretisch und praktisch erlernen. Dort soll ihnen auch der Sinn für Ordnung und Schönheit beigebracht werden. Auch sollen sie dort die Elementarfächer der Volksbildung und vor allem die Sprache des Landes, für welches sie bestimmt sind, lernen. Diese Anstalten sollen aber den Mädchen nicht nur eine Schule bieten, sondern eine Heimstätte, denn nur so können sie zu ordentlichen und tüchtigen Mädchen erzogen werden, wenn sie dem Einfluss der Eltern gänzlich entzogen werden. Ein zweijähriger Kursus, im Alter von sechzehn bis achtzehn Jahren, dürfte für die Ausbildung vollständig ausreichen. Die Unterhaltungs- und Bildungs-Kosten dürften sich also auf ungefähr tausend Mark für jeden Zögling stellen. Die Kosten sind allerdings nicht unbedeutend, aber sie sind zu beschaffen, wenn die Alliance Israelite Universelle, die Jewish Colonisation Association und die anderen grossen Wohltätigkeitsinstitute in Israel sich der Sache annehmen wollten. Der Plan ist also keine Utopie, sondern eine praktische Idee, eine Idee, die leicht durchführbar ist, wenn unsere Grossen und Mächtigen sich ihrer annehmen. Freilich kann dieser Plan nur dann zum Zweck führen, wenn er richtig organisiert wird. Es müsste ein Centrai-Komitee gegründet werden, welches alle Fäden in der Hand hat und in allen Ländern Filialen und Lokal-Komitees unterhält. Diese müssen die Stellungen vermitteln und sie müssen mit den Wirtschaftsschulen in steter Verbindung stehen, um die Mädchen nach Absolvierung der Lehrzeit unter Aufsicht nach ihren Bestimmungsorten zu geleiten. Hunderte von Mädchen könnte man auf diese Weise von körperlichem und sittlichem Elend retten und zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft machen. Denn solche Mädchen, denen die Freude an einer gesunden, würdigen Beschäftigung anerzogen worden ist, werden auch moralisch rein bleiben. Es sind unsere armen Schwestern, gegen die wir Pflichten haben, und wir können ihnen nur durch Arbeit und Erziehung helfen.