Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1903)
- Article
- Ein notwendiges soziales Hilfswerk
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 423 - 424 (sequence 1)
- Language
- German
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423 424 EIN NOTWENDIGES SOZIALES HILFSWERK. Von Fahrns Schach. Es ist für jeden Freund der Judenheit sehr erfreulich, dass die deutschen Juden trotz aller gehässigen Angriffe ihrer Gegner das Werk der inneren Mission nicht vernachlässigen und stets bemüht sind, das Kranke und Schlechte in ihren Reihen zu bekämpfen. So haben sich die jüdischen Komitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels im letzten Jahre grosse Verdienste um die jüdische Gesamtheit erworben. Es war ein schönes, leider jetzt so seltenes Bild, als Juden und Christen in Frankfurt gemeinschaftlich über die Mittel zur Beseitigung eines Schandfleckes der Menschheit berieten. Denn darüber kann gar kein Zweifel herrschen, dass sowrohl unter den schändlichen Händlern mit Menschenfleisch, wie unter den Opfern leider gar viele Juden sind. Wir haben daher als Juden und als Menschen die Pflicht, an diesem Werke tapfer mitzuarbeiten. Allein in vielen jüdischen Kreisen scheint man noch immer nicht begreifen zu wollen, dass diese Frage keine bloss sittliche ist, sondern eine blutige soziale Frage. Die in Frankfurt beschlossenen Massregeln mögen sehr gut gemeint sein und in vielen Fällen werden sie auch ihren Zweck nicht verfehlen, eine wirkliche Sanierung dieses Uebels aber ist nur durch ein soziales Hilfswerk grossen Stils möglich. Wo es schlechte Dünste giebt, da muss ein Sumpf in der Nähe sein. Da hilft nur Eines, die Quelle des Uebels beseitigen, den Sumpf austrocknen. Die Erzählungen der entführten Mädchen werden häufig zu sensationellen Romanen aufgebauscht, die Wirklichkeit aber, die garnicht sentimental ist, lächelt dazu. Gewiss war manches Mädchen nur durch Not und Grausamkeit zu diesen schmachvollen Schritt zu bewegen, war ohne Kenntnis seines Schicksals von der Heimat entführt worden, und blutige Thränen bildeten den Epilog seines traurigen Lebensromans. Leider aber ist dieses die Ausnahme und nicht die Regel. Die meisten wissen wohl, was ihrer harrt, aber sie gehen mit, weil die bitterste Not sie dazu treibt. Wer die Lage des jüdischen Proletariates in Russland und Galizien kennt, der wird es menschlich begreiflich finden. In Odessa allein sind nach zuverlässigen statistischen Angaben fast zehntausend jüdische Familien, die trotz aller schweren Arbeit kaum zehn Mark die Woche verdienen und ihr ganzes Leben in einem dumpfen, feuchten Keller zubringen. Da sitzt so ein armes Geschöpf, das doch auch ein natürliches Verlangen nach Licht und Wärme, nach Duft und Glück hat, und hungert und friert und darbt, und wartet .... ja auf was eigentlich? Die Schwester hat ja das grosse Glück erlangt und einen braven Arbeiter geheiratet und ist heute mit sechsundzwanzig Jahren Mutter von drei hungernden Kindern und wie eine Greisin welk und finster. Soll es nun auch auf dieses Glück warten und darum sich kaum einmal wöchentlich satt essen? Da packt es die Verzweiflung und aus dem Herzen ringt sich der Schrei empor: „Ich will nicht so hinwrelken! Kann ich kein reines Glück finden, so wrill ich ein unreines!" Ich wundere mich nicht, dass viele dieser Darbenden zu diesem traurigen Mittel greifen, sondern darüber, dass viele noch die Kraft haben, der Versuchung zu widerstehen und lieber ihr Elend weiter zu tragen. Wer hat das Recht, diese Geschöpfe zu verdammen? Nur bedauern dürfen wir sie. Dazu kommt das finstere Geistesleben, ohne Bildung, ohne Erziehung. Die Jungen schickt man noch in den Cheder (Judenschule), die Mädchen aber lernen nicht einmal schreiben und lesen, und ihnen fehlt oft jedes Verständnis für geistige Dinge und für sittliche Empfindungen. Geistige Finsternis, körperliches und seelisches Elend und Schmutz ist das Milieu, in dem sie gross werden. Man muss so eine Kellerwohnung gesehen und mit den Insassen verkehrt haben, um den ganzen Jammer dieser Armen zu empfinden. Da helfen keine polizeilichen Massregeln und keine Gesetze. So lange es solche armen Wesen giebt, werden sich stets verächtliche Elemente finden, die sie ausbeuten und sie mit oder ohne ihren Willen nach Südamerika transportieren. Wenn ich lese, dass Hunderte dieser Mädchen ihren armen Eltern und Schwestern von Buenos-Ayres aus Geld schicken, dass in ihnen also die Familienliebe noch nicht abgestorben ist, dann finde ich nicht den Mut, den Stab über diese Armen zu brechen. Da giebt es nur einen Weg: soziale Hilfe. Freilich können wir nicht die ganze jüdische soziale Frage lösen, aber Bruchteile davon können wir wohl lösen, und zwar in einer Art, dass wir uns selbst und den armen Mädchen damit nützen. Diese Mittel heisst: Ausbildung der armen jüdischen Mädchen zu Köchinnen, Wirtschafterinnen und Stubenmädchen.