Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1903)
- Article
- Synagogale Kunst
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 417 - 418 (sequence 1)
- Language
- German
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417 418 SYNAGOGALE KUNST. Von Ben. Samuel. Immer grösseres Interesse bringt unsere Zeit den Schöpfungen unseres Volkes auf dem Gebiete der bildenden Kunst und des Kunstgewerbes älterer Epochen entgegen -— ein erfreulicher Beweis dafür, dass wir anfangen, in unserer Vergangenheit noch nach anderen Lebensäusserungen, als bloss theologisch-philologischen zu suchen. Unter den vorläufig noch wenig zahlreichen, hierher gehörigen Arbeiten ist unstreitig eine der hervorragendsten das gross angelegte Werk von Mathias Bersohn über die alten polnischen Holzsynagogen, von dem soeben das dritte, prachtvoll ausgestattete Heft erschienen ist.1) Wir finden in dem vorliegenden Hefte die vortreffliche, von zahlreichen Illustrationen begleitete Schilderung von drei alten Holzsynagogen mitsamt den in ihnen verwahrten, zum Teil sehr kunstvollen Kultgeräten. Die Synagoge in Wolpa, einem kleinen Städtchen im Grodnoer Kreise, stammt aus dem Anfange des 17. Jahrhunderts. Die Tradition überliefert, das Gotteshaus sei von demselben jüdischen Baumeister aufgeführt worden, dem wir eine ähnliche Synagoge in einer Grodnoer Vorstadt verdanken. Leider hat uns die Ueberl) Vergl. „Ost und West", Jahrg. I, Heft 5. lieferung den Namen des Künstlers nicht aufbewahrt. Das gebrochene dreischichtige Dach fällt schon von der Ferne auf und scheint das ganze Städtchen zu beherrschen. Etwa 70 oder 80 Jahre nach der Erbauung der Synagoge wurde Wolpa von den Schweden, die damals Polen bekriegten, in Brand gesteckt, alle Häuser gingen in Flammen auf, nur die katholische Kirche und die Synagoge blieben, wie durch ein Wunder, unversehrt. Doch wurden beide Gotteshäuser geplündert und aus der Synagoge eine prachtvolle, siebenarmige Menorah entführt, die drei Männer kaum tragen konnten. Im Jahre 1781 wurde die Synagoge restauriert, doch unter strenger Beibehaltung der ursprünglichen Formen. Zwei merkwürdige Kunstwerke zieren das Innere dieser Synagoge. In der Mitte erhebt sich, auf vier riesigen, mit bescheidenen Schnitzereien bedeckten Pfeilern gestützt, eine achteckige Kuppel mit fünf aufwärts sich verjüngenden Gallerien, die im Innern die Kuppel in gleicher Entfernung von einander umkreisen. Im Innern der prächtigen Kuppel hängt eine Kugel an einer eisernen Kette —- vermutlich zur Erinnerung an ein wundersames Ereignis aus vergangenen Tagen. Die Polychromie der Kuppel stellt goldne Sterne auf blauem Hintergrunde