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Ost und West · 1903-06-01 · Heft 6 (Juni 1903) · p. Seite 407 - 408

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 6 (Juni 1903)
Article
Moriz Lazarus
Date
1903-06-01
Page
Seite 407 - 408 (sequence 3)
Language
German
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407 Dr. Bernhard Münz: Moriz Lazarus. 408 immer noch als einen empfindlichen Mangel, dessen Folgen nur zu sehr zu Tage liegen. Mit wenigen Ausnahmen kann sich unsere philosophische und wissenschaftliche Prosa mit derjenigen der Engländer und Franzosen in keiner Weise messen. Was aber unsere grossen philosophischen Autoren sprachlich und stilistisch gesündigt haben, das lässt sich hinterher nur schwer wieder gutmachen. Hätten sie in ihren Werken die Sprache gesprochen, wie sie Lessings kritischer Geist herausgearbeitet hat, wäre ihnen daran gelegen gewesen, in ihren Büchern anstatt zur gelehrten Zunft zur ganzen Nation zu sprechen, so würde auch auf dem Gebiete* der Philosophie das Bildungsverhältnis des grossen Publikums ein anderes und günstigeres sein. Von diesem Gesichtspunkte aus können wir Lazarus' formvollendete Darstellung nur mit lebhafter Freude begrüssen. Frühzeitig hat unser grosser Toter von sich reden gemacht. Bereits im Alter von 32 Jahren veröffentlichte er den ersten Band seines seither in drei Auflagen erschienenen Werkes: „Das Leben der Seele", und schon im Jahre 1859 war dasselbe abgeschlossen. Es enthält keine systematische Darstellung der Psychologie, sondern eine mehr oder minder zusammenhängende Reihe von Abhandlungen, welche in sich wohl kein geschlossenes Ganzes einer einheitlichen Weltanschauung darbieten, aber doch die wesentlichsten Prinzipien seiner wesentlichsten Philosophie erkennen lassen. Allerdings wird uns der Mangel einer inneren systematischen Durcharbeitung der nur äusserlich zusammenhängenden Untersuchungen bei dem Abschluss des Ganzen um so fühlbarer, je mannigfaltiger die darin behandelten psychologischen Objekte sind. Wir vermissen ferner jene Schärfe des Denkens, welche bis auf den innersten und letzten metaphysischen Grund in den einzelnen Fragen vordringt. Unser Forscher steht auf dem Boden des von Herbart begründeten metaphysischen und psychologischen Realismus. Aber er gehört nicht so sehr zu den fanatischen Bekennern der Schule, um nicht auch anderen und verwandten Richtungen Berechtigung zuzuerkennen. Insbesondere ist es Lotze, der nach Lazarus* eigenem Geständnis auf den Inhalt und die Art seines Denkens von Einfluss gewesen ist. Freilich wird man bei Lotze bei aller Schönheit der Form seiner Schriften doch zugleich auch eine grosse Energie und Konsequenz des Gedankenganges bewundern, während uns Lazarus wiederum durch eine Fülle geistvoller und sinniger Beziehungen überrascht, die er zwischen scheinbar fernliegenden Erscheinungen des Seelenlebens zu entdecken weiss. Auch die Stellung, die jeder der beiden Denker zu den grossen Fragen und Problemen der Zeit einnimmt, ist je nach der wissenschaftlichen Grundstimmung desselben eine verschiedene. Lotze hat bei seiner wesentlich naturwissenschaftlichen Bildung in die Diskussion über die biologischen und naturphilosophischen Zeitfragen als einer der ersten Wortführer und mit grossem Erfolg eingegriffen, während Lazarus da, wo er sein wissenschaftliches Gebiet verlässt und allgemeine Fragen behandelt, mehr den ethischen Strömungen und Motiven, sowie den sozialen Bewegungen der Gegenwart, insbesondere soweit sich in denselben ein geschichtsphilosophisches und völkerpsychologisches Gesetz ausspricht, mit Vorliebe nachgeht. Die Abhandlungen, aus denen sich das „Leben der Seele" zusammensetzt, gehören dank der höchst virtuosen Handhabung der psychologischen Analyse zu den ausgezeichnetsten Monographien, die unserer Litteratur seit langer Zeit einverleibt' worden sind. Die Palme unter ihnen gebührt der klassischen Untersuchung über Geist und Sprache. Lazarus fasst die Sprache als ein psychisches Organ auf. Sie ist keine Erfindung, sondern eine Entstehung oder Erzeugung im Geiste; sie ist kein durch den Verstand vermitteltes Werk, keine absichtliche Verwendung eines gesuchten und gefundenen Mittels zur Befriedigung eines bewussten Bedürfnisses, auch nicht eine glückliche Benützung eines Zufalls zur Bereicherung des geistigen Wirkens, denn auch dies setzt Nachdenken über die mögliche Verwendung des sich Darbietenden voraus, sondern die Sprache ist geworden, ohne gewollt zu sein, sie ist eine Entwickelüngsstufe des Geistes, die mit Notwendigkeit dann eintritt, wenn die geistige Bildung an einem gewissen Punkte angelangt ist. Sie ist mithin, der Entstehung nach, wie ein Erzeugnis der Natur, ein wachsender Organismus zu betrachten. Ein Keim, in gewisser Weise organisiert, in bestimmte Bedingungen physikalischer oder organischer Art gebracht, entwickelt sich nicht, weil er weiss und will, sondern weil das ewige Gesetz der Schöpfung es so bestimmt. So gibt es im Menschen gewissermassen einen Keim, der sich zur Sprache entfaltet, und es liegt der Psychologie ob, die Zusammensetzung dieses Keimes darzulegen und die Bedingungen und Gesetze zu erkennen, unter denen er aufgeht; wie ganz analog die Botanik diese Aufgabe für die Pflanze, die Physiologie für das Tier zu lösen hat. Einen hohen Rang nimmt auch die sich ausschliesslich mit kunstphilosophischen Problemen beschäftigende Untersuchung über „Die Vermischung und Zusammenwirkung der Künste" ein, welche einen bedeutsamen Beitrag zur Philosophie des Schönen liefert. Sie will den Verwandtschaftsgrad der Künste, zunächst den der Malerei und Musik, erörtern, doch bildet dies nur die Einleitung zum Hauptproblem, zur Erörterung der brennenden Frage nach dem Wesen, dem Inhalt und den Grenzen des musikalisch Schönen. Unser Philosoph verteidigt den Satz, dass Gedanken wohl Ursachen, aber nicht Inhalt eines Musikstückes sein können, und hält gegen Vischer die Behauptung von der Verschiedenheit des Wesens und der Wirkung der Musik aufrecht. Er stellt sich auf die Seite der Gegner der Wagnerschen Opernreformbestrebungen, denn wollte man die Oper als das vollere Drama, die Musik als einen integrierenden

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