Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1903)
- Article
- Moriz Lazarus
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 405 - 406 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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405 Dr. Bernhard Münz: Moriz Lazarus. 406 und im Tode zur Wahrheit geworden. Allenthalben, so weit die deutsche Zunge reicht, ja weit über die Gemarkungen derselben* hinaus, schickten sich die Besten an, dem hochverdienten Denker, in dessen schöpfungsreichem Leben {Kite und Grösse sich stets mit einander verflochten und verwoben fanden, zu huldigen und-seinen Verlust tief zu betrauern. Immer war seine Güte auch gross, immer die Grösse auch gut! Die wahre, echte Wissenschaft ist eben nicht jene verkümmerte, verwachsene, welche Gelehrsamkeit heisst, sondern die freie, hehre Wissenschaft, welche das Haupt hoch emporhält, welche Himmel und Erde in einem schauen lässt und die ganze Persönlichkeit mit dem Bewusstsein der Welt durchdringt. Sie wird von der Ueberzeugung getragen, dass eine gewisse Grösse in der Behandlung eines Gegenstandes nicht aus intellektuellen Anlagen allein, sondern vorzugsweise aus der Grösse des Charakters, aus einem freien, von der Gegenwart nie beschränkten Sinne, sowie aus den unergründeten Tiefen der Gefühle entspringt. Und die Bebauung dieser Wissenschaft war Lazarus' eigenste Lebensarbeit. Er gehörte zu jenen Denkern, denen es um die Herstellung eines ehrlichen, dauerhaften Friedens zwischen Geist und Gemüt zu tun ist! Trotz der immer mehr um sich greifenden Pflege der mechanischen Weltanschauung verlor Lazarus niemals den Glauben an die erlösende Macht des Idealismus, denn er erkannte in ihm die Quelle, aus welcher der Mensch den Adel der Bildung, die Kraft des reinen, sittlichen Wollens, das Gefühl der Menschenwürde schöpft; ja, er erkannte in ihm jenes heilige Zentralfeuer, welches den Staaten und Völkern erst wahre Lebenkraft einflösst. Wo die Idee und die Idealität der Gesinnung fehlt, da erstarren sie und fallen schnell der Vergessenheit anheim; der Geist verarmt an Gedanken, die Phantasie an Bildern, die Seele an Empfindungen, und das Endergebnis ist eine trockene, harte, von Musen und Grazien verlassene Sinnesart. Weil Lazarus auf den Genius des deutschen Volkes baute, welches so glücklich ist, einen der wesentlichsten Züge seines MORIZ LAZARUS h Nationalcharakters mit einem Worte zu bezeichnen, das wegen seiner wunderbaren Innigkeit von keiner anderen europäischen Sprache wiedergegeben werden kann, mit dem Wort „Gemüt", vertiefte er sich in das Studium „Idealer Fragen", ob auch um ihn blindwütiger Hass, Parteiung und Zerklüftung wilde Orgien feierten. Und seine Erwartung täuschte ihn nicht Denn seine Werke sind weit über die wissenschaftlichen Fachkreise hinaus in das gebildete Publikum gedrungen. Dasselbe Hess sich von ihm bereitwillig aus dem frostigen Gewirre des Tages, von des Daseins „ödem Strande" in die liebliche Heimat der Idee entführen; es flüchtete gerne mit ihm von dem Geiste der Realität zu der Realität des Geistes. Man hat Lazarus einen Popularphilosophen genannt, und zwar durchaus nicht in der Absicht, ihn zu loben. Aber verdient wohl eine schöne, geistvolle, allgemein ansprechende Darstellung als eitel Schöngeisterei verschrieen zu werden? Tut dieselbe der Gründlichkeit der Forschung Eintrag? Mitnichten. Unter den pädagogischen Hilfsmitteln, mit welchen Teilnahme und Verständnis für die Philosophie innerhalb weiterer Kreise der Gebildeten geweckt werden können, ist eines der wesentlichsten, dass die Darstellung mit Stimmung und in massvoller Weise auch mit Affekt sich erfülle. Nirgends ist dies mehr angebracht, als in der Philosophie, welche nicht bloss einen wissenschaftlichencyklopädischen Charakter besitzt, sondern auch eine Lebensmacht ist und deshalb an den ganzen Menschen, an sein Fühlen ebenso wie an sein Denken sich wendet. Dass dies von den deutschen Denkern vielfach ausser acht gelassen wird erklärt zum nicht geringen Teile das philosophische Defizit in dem geistigen Soll und Haben des Volkes der Denker. Die geistvolle Verfasserin des noch immer sehr lesenswerten Buches „De l'Allemagne", Frau von Stael, hatte nur zu sehr recht, wenn sie einst schrieb: „Le talent de s'exprimer avec methode et clarte est assez rare enAllemagne: les etudes speculatives ne le donnent pas". Was sie vor 80 Jahren bei uns vermisste, einen philosophischen und überhaupt einen wissenschaftlichen Stil, fühlen wir in unserem gelehrten Schriftwesen leider