Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-06-01 · Heft 6 (Juni 1903) · p. Seite 377 - 378

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 6 (Juni 1903)
Article
Max Liebermann
Date
1903-06-01
Page
Seite 377 - 378 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583911-2587257--02932-2587336
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

377 378 MAX LIEBERMANN. Von Georg Hermann. Ich will nicht verhehlen, dass ich mit einem gewissen bangen Gefühl an diese Würdigung herangehe, denn was von mir an dieser Stelle erwartet wird, eine Ausdeutung der Beziehungen des Malers Max Liebermann zur jüdischen Rasse und zum Judentum, kann ich nur schwer und kaum zur Befriedigung des Lesers geben. Die Fäden, welche den Künstler mit seiner Abstammung, seiner Rasse verbinden, sind nicht so klar und offensichtig, die Vorwürfe seiner Kunst gehen nur in einzelnen Ausnahmen auf die Ueberlieferungen der Religion, nie aber auf Vorwürfe aus dem jüdischen Volksleben zurück. Seine Kunst hat auch in ihrem Grundcharakter nur wenig von dem, was wir als rassentypisch bezeichnen können, und doch lassen uns andrerseits Erwägungen intimer Art gerade zu dem entgegengesetzten Resultat kommen, und wir können in Liebermann, trotz des Fehlens äusserer, handgreiflicher Verbindungen, einen der stärksten, wenn nicht überhaupt die stärkste Dokumentierung der jüdischen Rasse in der bildenden Kunst sehen. Nur müssen wir uns von vornherein sagen, dass wir es hier mit einer Kulturform zu tun haben, die weit entfernt ist von der östlichen, die durch Generationen in günstiger Lage in allen Aeusserlichkeiten sich assimiliert hat, vollkommen sich der Umgebung angepasst hat, all ihre Bildungsgüter sich zu eigen machte, und die trotzdem die Grundeigenschaften der Rasse bewahrte und verstärkte. Grade auf dem Gebiet der bildenden Kunst ist es ausserordentlich schwierig, Eigentümlichkeiten der jüdischen Rasse nachzuweisen, denn es dreht sich ja hier nicht um die Kunst eines Staatskörpers, um die Kunst einer Nation, sondern um das Schaffen einer Unzahl von einzelnen Individuen unter den verschiedensten Bedingungen und Voraussetzungen. Die Schulung und Unterweisung, welche sie empfangen, die künstlerische Sprache, welche sie gelehrt wird, geben ihnen nicht Gleichgeartete. Sie selbst sind unter einander aufs stärkste verschieden, je nachdem sie sich dem Volk, das sie beherbergt, angeähnelt haben, je \ ' ■ f '. . . ' -i' '' ■■ r-9- - ' ' -; '. ' *' ' ■ :. ■■ ' ' ■' ■ ■ : ■ ' ' . ' i -X' ■; I •'•r'> •. :' > . } M / r . i .; .;| . ■ '; v:V ' ■■r.-Ä;j ' \'"-"■; '•; •: MAX LIEBERMANN. nachdem die Berührung mit der Kultur jder sie umgebenden Rasse eine kürzere oder längere ist. Scharf und schier unüberbrückbar ist die Kluft, welche die Juden der verschiedenen Nationen von einander trennt; und doch giebt es unleugbar bestimmte Grundeigentümlichkeiten der Veranlagung, einen bestimmten seelischen Baugrund, eine gewisse Begrenzung der Begabung, welche allen Juden gemeinsam ist. Die Grundform ist erhalten geblieben, in so viel örtliche Variationen auch die Rasse sich verbreiterte, „denn die Natur respektiert Rassen, aber keine Bastarde", und in dem reifen Künstler, der seine eigene Sprache gefunden, der seine eigene Welt giebt, kann sich wohl noch das Typische der Rasse offenbaren, wenn es auch nie zu dieser schroffen und greifbaren Eigenart kommen wird, welche die Kunst eines geschlossenen, staatenbildenden Stammes kennzeichnet. Zudem ist auch für den Juden die bildende Kunst, die Beschäftigung mit ihr neueren Datums; in der Geschichte des Judentums spielt sie aus religiösen Gründen eine geringere Rolle, — und die Veranlagung der Rasse hierzu ist, wenn auch grade im letzten Jahrhundert vielfach erprobt, so doch nicht voll und endgültig bewiesen; bewiesen scheint mir bisher nur eine ausserordentliche Kunstempfänglichkeit der jüdischen Rasse. Sie ist keineswegs rückständig oder befangen in ihren Anschauungen, sondern geht mit der Zeit mit, ja wird sich stets zu den weitesten Vorläufern schlagen. Als ein Charakteristikum jüdischer Künstler erscheint zunächst der Mangel einer organisch schöpferischen Phantasie; nicht der Phantasie überhaupt, diese besitzen sie oft in hohem Masse, sondern ihrer reinen, formenbildenden Kraft. Es fehlt ihr im wahrsten Sinne das Gestaltende; Dürer, Böcklin, Thorna bis herab auf Wilhelm Schulz geben ihren Phantasievorstellungen eine Reinheit und Sicherheit der Formenbildung, eine innere Ausgeglichenheit, die wir bei Künstlern jüdischer Herkunft nie finden; denn deren Phantasiegebilde offenbaren nie eine solche Ruhe des Gemüts, eine solche Festigkeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.