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Ost und West · 1903-06-01 · Heft 6 (Juni 1903) · p. Seite 367 - 368

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 6 (Juni 1903)
Article
Die Alliance Israélite universelle
Date
1903-06-01
Page
Seite 367 - 368 (sequence 2)
Language
German
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367 Dr. H. M. C: Die Alliance israelite universelle. 368 sammeln. Wir waren uns darüber klar, dass bei der kulturellen Stellung Deutschlands die ungünstige Stellung der deutschen Judenheit schlimmer auf den Osten zurückwirken müsste, als alle Geldmittel, die wir dem Osten hätten zukommen lassen, diesem helfen konnten. Inzwischen hat sich die Lage vollständig verändert. Dass die Zahl der Mitglieder der Alliance infolge schwacher Thätigkeit unserer Comites sich nur langsam vermehrte, wurde als ein Zeugnis gegen die Alliance ins Feld geführt. Von der Alliance wolle man in Deutschland nichts wissen, und es sei deswegen nötig, für unsere Glaubensgenossen im Osten in einem deutschen Verbände tätig zu sein. Die Beweisführung war nicht zutreffend, in Paris war die Zahl der Mitglieder trotz starken Zumachses der städtischen Bevölkerung sogar um ein Viertel zurückgegangen, ein Beweis für die längst bekannte Thatsache, dass ohne Propaganda jede Vereinigung an Mitgliedern verliert. In Folge des Hineinbringens nationaler Elemente war die Frage der Mitgliedergewinnung nicht mehr eine pekuniäre, sondern sie war eine Prinzipienfrage geworden. Dies wurde für das Berliner Comite eine der Ursachen, weshalb es stärker in eine Agitation eingetreten ist. Gerade das internationale Prinzip halten wir in der Organisation der Alliance für besonders segensreich. Ein nationaler Verein wird notwendig in seiner Thätigkeit von gewissen nationalen Vorurteilen nicht frei sein, wogegen in einer Vereinigung, deren Verwaltung aus Mitgliedern der verschiedenen Nationen zusammengesetzt ist, weit mehr Aussicht vorhanden ist, dass die Bedürfnisse der Bevölkerung, der geholfen werden soll, die Richtschnur des Verhaltens geben. Deshalb hat ja auch Baron Hirsch die Jewish Colonization Association einer Verwaltung unterstellt, die aus Angehörigen verschiedener Länder besteht, wobei er neben den jüdischen Gemeinden von Berlin und Frankfurt etc. auch die Alliance mit dieser Verwaltung betraut hat. Man kann auch die Anglo Jewish Association und die Wiener Allianz nicht als Beispiel solcher angeblich auf nationaler Grundlager errichteter Organisationen ins Feld führen. Die Wiener Allianz führt ein besonderes Dasein nur wegen des österreichischen Vereinsgesetzes, welches Sektionen auswärtiger Vereine nicht gestattet. Die Anglo Jewish Association wurde während des Krieges 1871 gegründet, weil man eine Gefährdung des Werkes der Allianz befürchtete. Ihr Präsident, wie auch der der Wiener Allianz gehörendem Central-Comite der Pariser Allianz an, ihre Gelder finden fast ausschlieslich für Allianceschulen Verwendung. — In der Alliance sitzen neben 24 Franzosen auch 22 Deutsche und 22 Vertreter anderer Nationen, sodass bei genügender Teilnahme die fremden Mitglieder durchaus in der Lage sind, ihren Anschauungen zu genügender Würdigung zu verhelfen. Der internationale Charakter der Alliance drückt sich auch in der Zahl der Sprachen aus, in welchen in den Alliance-Schulen unterrichtet wird. Es sind dies, abgesehen natürlich von hebräisch, französisch türkisch, arabisch, englisch, deutsch, italienisch, spanisch. Selbstverständlich ist dadurch, dass das Centrum in Paris ist und die Lehrer in einem französischen Seminar hauptsächlich ausgebildet werden, ein gewisses Vorwiegen der französischen Sprache vorhanden, nicht aber des französischen Einflusses. Die Lehrer sind nicht Franzosen, sondern mit wenigen Ausnahmen Eingeborene des Landes, in welchem sie zu unterrichten haben; von einem Lehrpersonal von etwa 220 Lehrern sind nicht viel über 20 Europäer, darunter 13 Franzosen und 5 Deutsche. Die Schulen der Alliance stehen nicht unter dem Protektorat einer fremden Regierung, sondern sind Landesschuien, was mit erheblichen Aufwendungen für Steuern etc. verbunden ist. Die Alliance zieht aber vor, diese Steuern zu zahlen, ehe sie einer fremden Regierung ein Aufsichts- oder Bestimmungsrecht über die Schulen einräumen würde. Die Alliance-Lehrer, welche die beste Karriere gemacht haben und die wesentlichsten Direktorenstellen einnehmen, sind nicht Talmi-Franzosen geworden, sondern gerade von ihnen, wie z. B. Arie in Smyrna, gehen Bestrebungen auf Verbreitung der türkischen Sprache unter den Juden aus. Die Alliance beweist gerade den Lehrern gegenüber einen Liberalismus, wie er vielleicht in keiner zweiten Schulverwaltung vorhanden ist. Sie gibt eine vierteljährlich erscheinende Schulzeitung, „Bulletin des Ecoles de L'Alliance", heraus, in welcher die Lehrer über das Schul-System freimütig ihre Meinung abgeben. Wenn sich danach auch nach der Meinung der Lehrer selbst mehrfach der Wunsch herausgestellt hat, die französische Sprache zu beschränken, so kann man aus dem Zuviel der Alliance keinen Vorwurf machen. Sie hat eben dem Bildungs-Ideal, welches zur Zeit der Einrichtung derSchulen bestand, auch ihrerseits nachzustreben gesucht. Augenblicklich sind die Anschauungen über den Bildungswert fremder Sprachen und ihre Eignung als Mittel zu späterem Fortkommen in einer vollständigen Wandlung begriffen.

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