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Ost und West · 1903-06-01 · Heft 6 (Juni 1903) · p. Seite 365 - 366

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 6 (Juni 1903)
Article
Die jüngste Lehre
Date
1903-06-01
Page
Seite 365 - 366 (sequence 3)
Language
German
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365 Die jüngste Lehre. 366 verfehlter, angesichts des furchtbaren, unbeschreiblichen Unglücks sich mit der momentanen Hilfe zu begnügen und sich damit zu vertrösten, dass die Verfolgungen nur eine vorübergehende Erscheinung wären und bald bessere Tage kommen würden. „Es kommen bessere Tage!" Das war ja der ewige Refrain, der aus allen Buss Hedem und Trauergesängen erklang, mit denen unsere Vorfahren ihren Leidensweg durch die Jahrhunderte begleiteten. Diese Zuversicht war für sie die Quelle des Trostes und der Kraft zum Ausharren in der Not. „Es kommen bessere Zeiten!" . . . Auch die späteren Geschlechter hofften und vertrauten auf die Macht der fortschreitenden Kultur, der zunehmenden Aufklärung, erwarteten tatenlos und sehnsüchtig das goldne, messianische Zeitalter, das ja schon „vor der Türe stand:'. Dann brach es herein, dieses goldne, messianische Zeitalter. Und wir sind seit einem Vierteljahrhundert Zeugen, wie es in den älteren und jüngeren Kulturländern Europas, in Deutschland, Oesterreich, Frankreich, nicht minder wie im Osten, die Hoffnungen der Alten Stück für Stück zu nichte macht. Die Geschichte der Juden Europas in den letzten fünfundzwanzig Jahren wird die Epoche des Antisemitismus der Blutbeschuldigungen, der Entrechtungen, der Zurücksetzungen, der Verfolgungen und der zerronnenen Hoffnungen genannt werden! Aber das mitten in diesen Begebenheiten heranwachsende Geschlecht ist aller Illusionen bar. Es will nicht mehr die besten Kräfte seines Herzens und Geistes darauf verwenden, eitlen Hirngespinsten nachzujagen, die beim grellen Schein der rauhen Wirklichkeit in ein Nichts sich auflösen. Sie, die man Utopisten und Träumer schilt, sind es, die dem Leben, wie es ist, ins Auge blicken. Sie wollen nüchtern und besonnen schaffen, um dem heimatlosen Volke eine dauernde Heimat zu erringen, keine Herberge mehr, aus der der „Wirt" den Gast sanft oder unsanft hinausbitten oder hinausjagen darf. Laut spricht die Geschichte unserer Zeit zum jüdischen Volke: „Baue dir dein eigen Haus!" . . . Möchte doch das ganze Judentum auf diesen Ruf horchen, dann wird auch das Blut der jüngsten Tage nicht umsonst geflossen sein! DIE ALLIANCE ISRAELITE UNIVERSELLE. Von Dr. H. M. C. (Berlin). Die im vierten Heft von „Ost und West" seitens des Herrn Dr. Bemfeld ausgesprochene Erwartung, dass demnächst von der Alliance eine stärkere Propaganda zu erwarten sei, hat sich jedenfalls schneller erfüllt, als er gedacht hat. Ungefähr zur selben Zeit, zu der die Leser von „Ost und West" sich an seinem Artikel erfreuen konnten, hat das Lokal-Comite Berlin einen Aufruf für die Alliance verbreitet. Wenn in den letzten Jahren die Alliance in der Oeffentlichkeit wenig hervorgetreten ist, so lagen hierfür verschiedene Ursachen vor. Durch die Schenkungen des Barons und der Baronin Hirsch waren der Alliance so reiche Mittel zugeflossen, dass im Verhältnis dazu die Beiträge der Mitglieder nur etwa 11 Prozent ausmachten, also eine geringe Rolle spielten, und deswegen wohl in Paris die Propaganda zur Gewinnung neuer Mitglieder nicht besonders betrieben wurde, umsomehr, als die Vergrösserung der vorhandenen Mittel vermehrte Tätigkeit bei der Verwendung der Mittel erforderte. Andrerseits bestand auch hier nicht die Absicht, in eine Propaganda für die Alliance einzutreten. Speziell bei dem Berliner Comite war man sich darüber klar, dass es der Alliance an Mitteln nicht fehle, dass überhaupt für unsere Glaubensgenossen im Osten vielleicht zu viel Geld kritiklos verwendet worden war, und dass es sich mehr darum handle, für eine möglichst zweckmässige Verwendung der verfügbaren Mittel zu sorgen, als ihren Betrag zu vermehren. Zudem war zu berücksichtigen, dass viele der dringendsten Aufgaben in Deutschland selbst der Erledigung harrten. Es schien uns nicht angemessen, abgesehen von besonderen ausserordentlichen Notständen intensiver für die Glaubensgenossen in anderen Ländern zu wirken, solange darüber geklagt werden musste, dass nicht genügend Geld vorhanden war, um in den Provinzen jüdischen Religionsunterricht zu erteilen, jüdische Lehrer zu besolden und vor Not zu schützen. Wir waren vielmehr der Meinung, dass die niedrige soziale und politische Stellung der deutschen Juden, ihre Unkenntnis in jüdischen Angelegenheiten, in erster Linie bekämpft werden mussten, und dass es deswegen Unrecht sei, solange dies nicht geschehen, Geld für den Osten zu

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