Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1903)
- Article
- Die jüngste Lehre
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 363 - 364 (sequence 2)
- Language
- German
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363 Die jüngste Lehre. 364 das sind keine verschollenen Märchen aus alten, blutigen Zeiten, da die mittelalterliche Barbarei noch die Menschheit umfangen hielt, da das Faustrecht regierte, Willkür und Gewalt nach Gutdünken schaltete, kein Gesetz, kein Gefühl der Billigkeit die Grausamkeit und den Blutdurst der Menschen in Schranken hielten. Nein. Es ist das Morgenrot des zwanzigsten Jahrhunderts, vyelches Metzeleien und Blutbäder beschien, die aussahen, wie eine getreue Kopie ihrer Vorgänger aus dem el ften Säkulum. Und nicht im Herzen von Afrika, nicht unter chinesischen Barbaren, unter australischen Menschenfressern oder unter südamerikanischen Kannibalen ist's geschehen : Nein! Die Sonne der europäischen Zivilisation blickte von ihrer stolzen Höhe herab auf die schauerlichen Greueltaten, die jeglichem menschlichen Empfinden Hohn sprechen und an die noch die nachfolgenden Geschlechter mit Grausen und Entsetzen zurückdenken werden. — Und es geschah an dem Zeitpunkt, da der europäische Mensch, die schwellende Vollkraft seiner majestätischen Kultur in der stolzen Brust verspürend, sich anschickt, seine Segnungen über den fernsten Erdkreis auszuschütten, seine Herrschaft über den entlegenen Osten und über den schwarzen Erdteil auszudehnen, die „minderwertigen" Rassen zu beglücken und ihnen seine Bildung, seine Humanität, seine „Religion der Liebe44 zu bringen, um sie aus der Nacht der Barbarei zu erlösen und zu einem höheren Menschentum emporzuführen. Es geschah in einer Zeit, da der europäische Mensch die Gewalten der Natur bezwungen und in seine Dienste gestellt hat. Das Dampfross trägt ihn vom äussersten Westen Europas bis nach dem äussersten Osten Asiens; der elektrische Funke wird bald auf unsichtbaren Bahnen seine Gedanken um das Erdenrund tragen. Er leuchtet in die dunkelsten Tiefen des menschlichen Leibes wie der leblosen Natur hinab. Er ruft Kongresse zusammen, um die Greuel des Krieges zu mildern oder diesen ganz abzuschaffen, um das Los der Sträflinge in seinen Zuchthäusern zu verbessern, um die verheerenden Krankheiten zu bekämpfen. Aber die Bestie in seinem eigenen Innern hat er nicht gebändigt, ihre blutrünstigen Instinkte hat er nicht bezwungen. Frisch und ungebrochen lodern sie empor, alles ringsum verwüstend und vernichtend, — wenn nur der geringste Anreiz sich darbietet. Der Anreiz? Er ist immer da. Die Schwäche des Schwachen ist es, die den Starken unaufhörlich stachelt; die Schutzlosigkeit des Ohnmächtigen, die den mit Gewalt Ausgerüsteten anspornt. Und es bedarf nur der geringsten Wallung, damit „du deine Tätzchen färbest in meinem Blute". Ohnmacht, Schwäche, Wehrlosigkeit sind in unserer Welt keine Schutzbriefe, keine Empfehlungen. Sie regen nicht die Grossmut, nicht das Mitgefühl der Starken an, sondern fordern nur ihre Raublust und Mordgier heraus. Es ist hinieden ein Verbrechen, das Verbrechen, schutzbedürftig, wehrlos und zu keiner Verteidigung gerüstet dazustehen. Ihr fragt: was haben jene Unglücklichen verbrochen, dass über sie die Wut des Pöbels wie ein Orkan hereinbrach? Müssige Frage: sie waren die Schwächeren, das war ihr Vergehen! Sie waren die Wehrlosen, das war ihre Sünde! Sie sind die Heimatlosen, die Fremden — das ist ihr Verbrechen! Bei allen derlei traurigen Anlässen hat sich ja die vielgeschmähte jüdische Solidarität glänzend bewährt. Wohl schämen sich unsere Feinde nicht, selbst diese Betätigung der Barmherzigkeit uns zum Vorwurf zu machen, und bedenken dabei nicht, dass, indem wir an den unglücklichen Brüdern Liebe üben, wir ihnen dadurch nur das gewähren, was ihnen sonst versagt bliebe, dass wir also nicht nur ihre Leiden lindern, sondern in ihnen auch das Gefühl ihrer Menschenwürde wach erhalten, ihre menschlichen Regungen nicht entweiht und verwildert werden lassen. Aber indem wir diesmal den Verfolgten zu Hilfe eilen, möchten wir doch bedenken, dass es auf Sand bauen hiesse, wenn wir es bei der vorübergehenden Hilfe bewenden Hessen und nicht vielmehr der Zukunft vorbauen würden. Es genügt nicht, dass wir die Wunden, welche die jüngste Vergangenheit geschlagen, zu heilen versuchen. Wir müssen vorausschauend dem Uebel vorzubeugen trachten, den Unglücklichen, die gleichsam auf unterminiertem Boden stehen und, heute beschwichtigt, ihres Morgens nicht sicher sind, die Möglichkeit zu einem ruhigen, von keiner ähnlichen Gefahr bedrohten Dasein auf festem Grunde zu bieten. Die grossen jüdischen Institutionen, die sich mit der Wohltätigkeit befassen, müssten ihrer Tätigkeit eine weitergehende soziale Bedeutung verleihen, sie müssten sich eng zusammenschliessen, um gemeinsam an der Verwirklichung der grossen Aufgabe zu arbeiten, den stets bedrohten Teilen des jüdischen Volkes einen schützenden Hafen zu sichern, in in welchem sie für die Dauer geborgen wären. Die materielle Hilfe für die von dem grausigen Unglück Betroffenen wird ja unzweifelhaft grossartige Dimensionen annehmen. Aber nichts wäre