Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Politische Revue
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 359 - 360 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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359 Politische Revue. 360 allem steht nicht den Herren Kuratoren das Recht zu, eigenmächtig über dieses Kapital zu verfügen; tausend Parlamentsakte werden sie nicht von der Verantwortlich ung lossprechen, die sie dadurch auf sich laden. Die Millionen sind dem Kolonisationswerk gewidmet, und wenn die Herren, die alle ausnahmslos ehrenhafte Männer sind, dieses Werk nicht vollführen können, so mögen sie andere um Rat fragen, die es vielleicht besser wüssten. Es ist sehr beklagenswert, dass Gemeindevorsteher, die aus lokalen Gründen zu dieser Würde gelangt sind, das Vermögen des jüdischen Volkes zu verwalten haben und es, wie die Erfahrung lehrt, recht schlecht verwalten. Da ist ein entschiedenes Hands off! am Platz. * * * Friedrich Delitzsch fährt fort, das „Alte Testament" zu bekämpfen. Wenn er nicht nur ein ausgezeichneter Philologe, sondern auch ein tüchtiger Historiker wäre, so würde er eine Vorstellung von seinem Tun haben; es nimmt sich aus, als ob ein Knabe mit seinem Taschenmesser eine uralte Eiche fällen wollte. Dass er, um das Judentum herabzuwürdigen, mit einem Mal gar das „Neue Testament" ins Treffen führt, ist Geschmacksache. Natürlich ist dadurch für die Juden die Diskussionunmöglichgeworden. Herr Delitzsch hat öffentlich erklärt, dass er von einer frommen protestantischen Familie abstamme; dies stimmt insofern, als sein Vater, der bekannten Bibelerklärer und Judenmissionar, lutherischer Christ war; aber sein Grossvater war Jude. Das ist übrigens gewiss keine Schande, sondern im Gegenteil eine grosse Ehre, denn jedenfalls sind die Juden das älteste Kulturvolk auf Erden, das nicht untergegangen ist. Seinen Ruhm bilden nicht einige Tonziegel, die ohne Hilfe jüdischer Millionäre nie das Tageslicht erblickt hätten. Uebrigens muss Herr Delitzsch doch von Bewunderung, wenn nicht gegen das alte Testament, so doch gegen dessen Anhänger, erfüllt sein. Welche Menschen ausser Juden haben es je so weit in der Objektivität gebracht, „die zu segnen, die sie beleidigen?" Und in diesem Fall ist der Segen in Form klingender Münze oder guter Kassenscheine sogar den Ausgrabungen des Herrn Delitzsch so sehr zu Gute gekommen. DIE TRAGOEDIE IN KISCHINEW. Bei Schluss der Redaktion dieses Heftes empfangen wir telegraphische Berichte über Judenmetzeleien in Kischinew (Bessarabien), deren Einzelheiten grauenerregend sind. Nach den offiziellen Mitteilungen sind nicht weniger als 41 Personen (darunter 2 Kinder) getötet, etwa 70 tötlich verwundet und circa 700 verletzt. Tausende von Familien sind durch die Demolierungen des Pöbels obdachlos geworden. Der materielle Schaden beläuft sich auf etwa vier Millionen Rubel. Das Elend der Juden in Kischinew ist unbeschreiblich. In allen grösseren Städten sind Komites behufs Geldsammlungen für die Opfer ins Leben gerufen. Wir beschränken uns vorläufig auf die Wiedergabe der Liste der Ermordeten. Die Namen dieser Opfer sollen in der jüdischen Geschichte, die an Märtyrern so reich ist, verewigt bleiben: Mordchai Mindig Jechiel Seltzer Benjamin Baranowitsch Israel Selischtschajan Abraham Kohon Jakob Tunik Israel Ulmer Kopil Koinarski Mosche Machlin Jehoschea Berladski Sussman Panorschi Benzion Galanter Chaim Laib Goldes David Chazkelewitsch Simcho Wulf Hirsch Liss Jdl Krupnik Izchok Mair Krupnik (Sohn des Vorigen) Drachman Mordchai Grünspun Izchok David Bjelizki Josef Kantor Hirsch Bolgar Chaim Nissensohn Schmuel Boruch Urman Abraham Weinstein Mosche Hirsch Rinel Ahron Brachmann Izchok Rosenfeld Josef Hirsch Grünberg David Okaridon Kalmen Malawitsch Schimon Fischinann (io Jahr alt) Michel Loschak (2 Jahr alt) Chaja Lea Kigelmann Chaja Sarah Panaschi Reise Kazap Kajla Mosa Etel Berger Fanja Spiwak Feiga Wuler. Abonnementspreis für das Halbjahr in Deutschland und Oesterreich Mark 3,50, für das Ausland Mark 4,— für Russland ganzjährig 4 Rubel, halbjährlich 2 Rubel. Einzelhefte ä 35 Kop. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, durch alle Postämter des Deutschen Reiches unter No. 5785 a der Postzeitungsliste und durch die Expedition dieser Zeitschrift. Anzeigen 50 Pfennig die viergespaltene Petitzeile, grössere Anzeigen nach Tarif, bei Wiederholungen Rabatt. Stellen-Gesuche und •Angebote zum halben Preise. Adresse für die gesamte Korrespondenz: S. CALVARY & Co. (Inh. HUGO BLOCH & Dr. P. GOTTHELF), Verlagsbuchhandlung und Antiquariat, Berlin NW., Neue Wilhelmstrasse 1. Verantwortlicher Redakteur: Leo Winz, Berlin, Attonaerstr. 36. — Verlag von S. Calvary & Co., Berlin NW. 7. Druck von J. S. Preuss, Berlin S.W. 19. - Cliches von der Graphischen Kunstanstalt Richard Labisch & Co., Berlin S.W.