Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Politische Revue
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 357 - 358 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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358 POLITISCHE REVUE. Die grossartige Millionenstiftung, die Baron Hirsch in hochherziger Weise dem jüdischen Volke gemacht hat, beschäftigt zur Zeit die öffentliche Meinung im hohen Masse. Unter den verschiedenen Stiftungen dieses jüdischen Philanthropen nimmt die unter dem Namen Jewish-Colonisation-Association bekannte den ersten Rang ein. Nicht weniger als zweihundertundfünfzig Millionen Francs hat Baron Hirsch zu dem Zweck bestimmt, vielen Juden aus solchen Staaten, wo ihnen die bürgerliche Gleichberechtigung vorenthalten wird, zu nehmen und sie nach solchen Staaten zu übersiedeln, wo eine solche Beschränkung nicht besteht. Es wurde in der Stiftungsurkunde ausdrücklich bestimmt, dass die Zinsen dieses Kapitals alljährlich zu dem angegebenen Zwecke verausgabt werden müssen; eine Ansammlung der Einkünfte ist somit statuarisch ausgeschlossen. Bekanntlich hat Baron Hirsch bei Lebzeiten selbst mit dem Kolonisationswerk in Argentinien den Anfang gemacht, auf das man damals grosse Hoffnungen setzte. Mit der russischen Regierung wurde ein Vertrag abgeschlossen, wonach die J. C. A. alljährlich eine bestimmte Anzahl Juden (mindestens 25,000) aus dem russischen Reich nach dem Auslande zu überführen hätte. Anderenfalls bleibt die bei der Regierung hinterlegte Kaution verfallen. Baron Hirsch hat die Aktien dieser Gesellschaft zu gleichen Teilen den jüdischen Gemeinden von London, Berlin, Frankfurt a. M., Paris und Brüssel übergeben, die somit diese bedeutende Stiftung zu verwalten haben. Es muss nun leider konstatiert werden, dass sich die Erwartungen, die man ursprünglich in das Millionengeschenk gesetzt hatte, nur zum kleinsten Teil verwirklicht haben. Das Kolonisationswerk in Argentinien will nicht so recht gedeihen, und da die J. C. A. alljährlich die Zinsen ihres Kapitals verausgaben muss, so zog sie vor, dies für das sogenannte innere Hilfswerk zu verwenden. Die Not der Juden in Russland ist zweifellos ungeheuer gross, und es giebt überall im jüdischen „Ansiedelungsgebiet" genug Elend zu steuern. Die russische Regierung sieht es nicht ungern, dass die vielen Millionen in Russland selbst Verwendung finden, und so besteht sie nicht auf ihrem Schein, die Kaution für verfallen zu erklären. Es wurden in den letzten Jahren mehrere gemeinnützige Einrichtungen auf Kosten der J. C. A. ins Leben gerufen, insbesondere wurde der Versuch gemacht, in den grossen Zentren des Ansiedelungsgebiets, wo die Wohnungsverhältnisse der armen jüdischen Bevölkerung unbeschreiblich schlecht sind, billige Wohnstätten zu schaffen. Auch für Volksküchen, Kinderasyle und dergleichen philantropische Werke trat die J. C. A. mit grossen Spenden ein. An sich sind diese Werke gewiss gut und segensreich, aber es kann doch nicht in Abrede gestellt werden, dass sie nicht dem Inhalt der Stiftungsurkunde und der Absicht des edlen Stifters entsprachen Baron Hirsch hat bei Lebzeiten und letztwillig auch für solche humanitäre Zweck viele, viele Millionen gespendet, aber mit seiner grossen Stiftung hatte er eben ein anderes Ziel vor Augen. Er wollte viele Juden zum Ackerbau und zu landwirtschaftlichen Betrieben überhaupt erziehen und nicht etwa die Not in den russischen Ghetti durch kleine Gaben für den Augenblick lindern. Es war ein nationales und kein lokales Hilfswerk, dem er die Viertelmilliarde widmete. Mit Recht wird es daher in vielen Kreisen getadelt, dass die Verwaltung sich nicht streng an die Bestimmungen des Statuts halte. Die öffentliche Meinung drückte seit Jahren ihre Unzufriedenheit mit dem Vorgehen der J. C. A aus, was umsomehr berechtigt war. als die Verwaltung sich bisher konsequent in Schweigen hüllte und kein Strebenswörtchen von ihrem Tun und ihrer Absicht verlauten liess. Im Zeitalter der Oeffentlichkeit musste diese verletzende Behandlung der jüdischen Oeffentlichkeit Aerger und Misstrauen hervorrufen. Für dieses hochmütige Gebaren einer jüdischen Stiftungsverwaltung lag gar kein Grund vor, und selbst wenn alles zum Besten bestellt gewesen wäre, müsste man diese Geheimtuerei und die bureaukratische Missachtung des Publikums entschieden verurteilen. Dazu kommt jetzt der Umstand, dass in Erfahrung gebracht wurde, wie es in Wahrheit mit dem Werk der J. C. A. bestellt ist. Das jüdische Volk hat ein gutes Recht, zu erfahren, was mit den Hunderten von Millionen gemacht wird, die Baron Hirsch den unterdrückten und rechtlosen Juden vermacht während er die reichen Gemeinden in Westeuropa bloss als Verwalter bestimmt hat. Die Millionen gehören nicht diesen Gemeinden, sondern den osteuropäischen Brüdern Bei dem herrschenden Elend kann die J. C A den an sie gestellten Ansprüchen mit den Erträgnissen der Stiftung kaum genügen und es verlautet jetzt, dass sogar das Kapital bereits angetastet worden sei. Erst jetzt erfährt man ein klein wenig davon, was am grünen Tisch bisher geschah. Es ist tieftraurig. Die Mehrheit der Kuratoren hat sich dafür entschlossen, das Kolonisationswerk überhaupt aufzugeben und die Einkünfte der Stiftung ausschliesslich für philanthropische Zwecke zu verwenden. Was bisher nur provisorisch und illegal geschehen ist, soll jetzt offenkundig und definitiv werden. Die englische Regierung wurde angegangen, eine Parlamentsakte zu erwirken, kraft welcher die Stiftungsurkunde eine dahingehende Abänderung erfahren solle. Nur in London weigert man sich, dem zuzustimmen. Freilich sind die Herren in London ebenfalls nicht geneigt, die Millionen zweckmässig zu verwenden; sie wollen nur neue Experimente in Brasilien oder, sollte im Laufe der Zeit eine Kommunikation mit dem Mars hergestellt werden, auch dort Ansiedelungsversuche machen. Sie weisen den Gedanken weit von sich mit den Millionen vielleicht eine gründliche Lösung der ewigen jüdischen Frage zu beginnen. Aber jedenfalls hat die englische Minderheit wenigstens den Vorteil für sich, dass sie den Bestimmungen der Stiftung nachkommen will. Hingegen muss man dem Plan der Mehrheit mit aller Entschiedenheit widersprechen. Seit Jahrtausenden hat man das jüdische Volk mit kleinen Spenden mehr in seiner Tatkraft herabgedrückt, als es gestärkt und gefördert; die hunderte von Millionen sollen nicht wieder dem Schnorrertum anheimfallen. Eine solche Stiftung, die in der jüdischen Geschichte vereinzelt dasteht, soll nicht zu Pfennigspenden verzettelt und zerstreut werden. Vor