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Ost und West · 1903-05-01 · Heft 5 (Mai 1903) · p. Seite 353 - 354

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 5 (Mai 1903)
Article
Jüdische Arbeitsnachweise
Date
1903-05-01
Page
Seite 353 - 354 (sequence 4)
Language
German
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353 Dr. Ernst Tuch: Jüdische Arbeitsnachweise. 354 Aus dem bisher Angeführten ergeben sich aber nicht nur die erheblichen Schwierigkeiten, mit welchen die Arbeitsnachweise zu kämpfen haben, sondern auch die grossen und weiten Aufgaben, die ihnen noch für die Zukunft gestellt sind. Da die jüdischen Arbeitsnachweise ein Interesse daran haben, dass sich die Anzahl der Berufe, denen sie die Arbeitsuchenden zuführen können, vermehre, so müssen, sie sich in hervorragender Weise an den jungen Bestrebungen beteiligen, die Juden in erhöhtem Masse „produktiven" Erwerbszweigen zuzuführen. Von selbst wird der Arbeitsnachweis darauf geführt, manche, die sich an ihn wenden, in einer oder der andern Weise auszubilden. So hat der Berliner Verein Schreibkurse veranstaltet, wodurch er, wie der Bericht des Jahres 1898 sagt, in den Stand gesetzt war, „Personen, die vorher nicht erwerbsfähig waren, in Stellungen zu bringen." Dies war nur ein Versuch. Unternehmungen ähnlicher Art könnten sich in leichter Weise an den Arbeitsnachweis angliedern, oder besser gesagt, von ihm in Anregung gebracht werden, so Sprachkurse, Bügel- und Plätt-Unten icht oder dergl. mehr. Selbstverständlich ist hiermit die Entwickelung nicht abgeschlossen. Mit Naturnotwendigkeit werden Arbeiterstätten und Arbeiterkolonien entstehen. So haben wir die Arbeiterkolonie in Weissensee bei Berlin, ähnliches wurde eine Zeit lang in Hamburg durchgeführt, auch in Wien wurden im ersten Jahre Arbeitsschulen für Kravattennähen, Tambourieren, Miedernähen, dann für Konfektion von Schürzen, Jupons und Blusen errichtet; sie mussten dort vorläufig wegen Geldmangels wieder aufgegeben werden. Wir sehen also überall Ansätze nach dieser Richtung. So werden allmählich an verschiedenen Orten für diejenigen, die im wirtschaftlichen Leben völlig Schiffbruch erlitten haben, Arbeiterkolonien gegründet werden, in denen sie in kurzer Zeit eine leichte manuelle Tätigkeit erlernen können und so dem Vagantentum entrissen werden; für Lehrlinge und Lehrmädchen werden Arbeits- und Haushaltungsschulen zu gründen sein. Mit allen diesen Institutionen muss der Arbeitsnachweis in engster Fühlung stehen, und zu Neugründungen auf diesem Gebiete, wo sie erforderlich sind, immer wieder neue fruchtbare Anregungen geben. Für diejenigen, welche besser dotierte Stellungen suchen, hat er die oben erwähnten Versammlungen von Interessenten zu veranstalten. So stehen die Arbeitsnachweise im Centrum der grossen wirtschaftlichen Bewegung der Juden. Allerdings dürfen nun nicht mehr wie bisher nur lokale Arbeitsnachweise errichtet werden, sondern planmässig muss überall in ganz Deutschland an die Gründung solcher Nachweise geschritten werden und diese einer Zentrale (in Berlin) angeschlossen werden. Diese Frage ist neuerdings in Angriff genommen worden. Bereits im Jahre 1898 hat der Verbandstag des D. J. G. B. auf Anregung des leider zu früh verstorbenen eifrigen Vorkämpfers der Arbeitsnachweis-Bewegung, Eugen Rosenstiel, beschlossen, .„dass eine zentralisierte Organisation für Arbeitsnachweis eingerichtet werde." Nunmehr ist in Berlin der „Verband der Vereine zur Förderung von Handwerk und Bodenkultur" begründet worden, in dessen § 2 hauptsächlich „der Zusammenschluss der bestehenden und neu zu gründenden Arbeitsnachweise" als Aufgabe des Verbandes aufgeführt wird. Hier ist die grosse, ganz Deutschland umspannende Organisation geschaffen worden, die den so notwendigen und so segensreichen jüdischen Arbeitsnachweisen in hervorragender Weise ihre Tätigkeit erleichtern will und erleichtern wird. Möge sie von bestem Erfolge gekrönt werden, möge sie ein bedeutungsvoller Schritt sein auf dem Wege, der die Juden zur wirtschaftlichen Selbständigkeit führt. ZUR LANDFRAGE IM ZIONISMUS. Von F. P. Wie verlautet, soll der Führer der zionistischen Partei, Dr. Theodor Herzl, in Kairo gewesen sein, um dort wegen der Erwerbung eines zu Palästina gehörigen, aber unter ägyptischer Oberhoheit stehenden Stückes Landes zu unterhandeln. Es kann sich bei den Verhandlungen nur um den schon länger in der Debatte stehenden Landstrich El Arisch*) im äussersten Südwesten von Palästina, im sogenannten Aegyptisch-Palästina, handeln. Der Landstrich ist ca. 1000 qkm gross *) Vergl. den Artikel „Ein vergessenes Stück Palästina" in No. 1 Jg. 1901 von „Ost und West0. und hat eine Bevölkerung von nahezu 5000 Menschen, wovon 3546 allein auf die Stadt El Arisch entfallen. Das Gebiet könnte unter günstigen Umständen recht wohl 100 000 Menschen ernähren, weil einmal die Bedingungen für eine bedeutende landwirtschaftliche Produktion gegeben sind, da „das Gerstenland von Gaza" in dieses ägyptischpalästinensische Gebiet hineinreicht, und sich hier Feigen- und Dattelbäume sehr gut anpflanzen lassen. Dann aber ist nicht zu vergessen, das die geplante Bahn Alexandrien-Iscanderun-Aleppo, welche die Verbindung zwischen den anatolischen Bahnen und der grossen Bahn Kairo-Südafrika herstellen

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