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Ost und West · 1903-05-01 · Heft 5 (Mai 1903) · p. Seite 349 - 350

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 5 (Mai 1903)
Article
Jüdische Arbeitsnachweise
Date
1903-05-01
Page
Seite 349 - 350 (sequence 2)
Language
German
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349 Dr. Ernst Tuch: Jüdische Arbeitsnachweise. 350 konnte, nahm sie vielfach von jüdischen Reichen in ungeniertester Weise an. Aber das, was früher eine berechtigte und segensreiche Einrichtung gewesen war, verwandelte sich unter den veränderten Umständen zum Fluch. Dieses unerschütterlich - konservative Festhalten an der veralteten Wohltätigkeit, welches allein Orthodoxe und Liberale einte, ist zum grossen Teil verantwortlich zu machen für das so betrübende Fortbestehen des jüdischen Schnorrertums in seinen zahllosen Formen, jener abstrusen Anormalität in unserer heutigen Zeit. Erst in der neuesten Zeit, mit dem Wiedererwachen der nationalen Ideen in den Völkerschaften, dem damit in gewissem Zusammenhange stehenden Antisemitismus und der Selbstbestimmung der Juden, wurden wir inne, dass wir uns nicht ausserhalb der allgemeinen Entwickelung stellen können. Und nun begann man von verschiedenen Seiten den Kampf gegen diese Wohltätigkeit, die den Geber nicht adelt, den Empfänger aber herabdrückt. Wir wurden inne, dass wir nicht mehr ein „Almosenvolk" sein dürfen, dass wir die ernste Pflicht und Schuldigkeit haben, alle jene im allgemeinen Leben erprobten sozialen und wirtschaftlichen Neuerungen auch für die jüdische Gemeinschaft zu verwerten. Die Bestrebungen zur Erschliessung neuer Berufsarten für die Juden erstarkten, Arbeitsnachweise wurden errichtet, Arbeiterstätten und -kolonien für die jeder Existenzmittel beraubten eröffnet, Vereine für Obdachlose nach modernen Prinzipien gegründet usw. usw. Eine zweifellos hervorragende Stellung unter diesen Bestrebungen nehmen die jüdischen Arbeitsnachweise ein, und zwar aus dem Grunde, weil sich an sie leicht alle übrigen wirtschaftlichen Neuerungen anschliessen können. Der Bericht des Jahres 1898, den der Berliner Verein für Arbeitsnachweis herausgab, sagt mit Recht: „Ueber die Notwendigkeit von Vereinen für Arbeitsnachweis existiert kein Streit mehr, und die Erfolge, welche sich bei uns ergaben, werden jeden Zweifel darüber beseitigen müssen, dass sie unentbehrlich sind für unsere Glaubensgenossen, die durch den Antisemitismus arg geschädigt und zurückgedrängt und durch die sozialen Veränderungen im Gewerbebetriebe und im Kleinhandel oft ruiniert werden." Mehr und mehr verliert zwar der eigentlich politische Antisemitismus an Bedeutung, darüber kann auch die augenblickliche Beliebtheit etwa des Grafen Pückler nicht hinwegtäuschen, aber an seine Stelle ist der wirtschaftliche Asemitismus getreten, und dieser ist viel gefährlicher als alle politischen Radauversammlungen. Er wirkt viel intensiver und radikaler als jene. 3 Parolen giebt er aus: „Kauft nicht bei Juden", „Stellt keine Juden in euren Betrieben und Geschäften an" und „Ihr Angestellten, duldet keine jüdischen Angestellten neben euch." Die erstere vernichtet vornehmlich den jüdischen Kleinkaufmann, denn die grossen Geschäfte und Warenhäuser spotten natürlich solcher antisemitischen Anfeindungen. Die beiden letzten richten sich ganz allgemein gegen alle jüdischen Angestellten, damit ist der wirtschaftliche Boykott der Juden perfekt gemacht. Immer weniger werden jüdische junge Leute von christlichen Geschäftsleuten und Handwerkern als Lehrlinge angenommen, und wenn es geschieht, dann wird ihnen das Leben durch ihre christlichen Kollegen unerträglich gemacht. Selbstverständlich ist diese Entwickelung noch lange nicht zum Abschluss gelangt, aber sie macht andauernd Fortschritte. Ja, es geht dies sogar so weit, dass jüdische Geschäfts-Inhaber und Fabrikanten neben ihren christlichen Angestellten oder Arbeitern keine jüdischen halten konnten. Wer aufmerksam die Zeitungen verfolgt, findet die ständig anwachsende Zahl von Annoncen, in denen Verkäufer, Komptoiristen, Buchhalter usw. gesucht werden, die ihre „christliche Konfession" nachzuweisen haben. Aus allen diesen Tatsachen ergiebt sich die dringende Notwendigkeit jüdischer Arbeitsnachweise. Und doch haben diejenigen Vereine, welche die Gründungen solcher Arbeitsnachweise unternehmen, mit fast unüberwindlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, unter denen besonders die Indifferenz hervorzuheben ist, weiche ihnen noch immer von Seiten der jüdischen Arbeitgeber entgegengebracht wird, sodann aber die beschränkte Anzahl von Berufsarten, die den Juden offen stehen. Es ist eine bedauerliche und überall gleichmässig zu Tage tretende Erscheinung, dass jüdische Geschäftsinhaber und Fabrikanten noch vielfach eine grosse Scheu besitzen, sich an jüdische Arbeitsnachweise zu wenden. Sie haben Furcht, nur minderwertiges Material empfohlen zu erhalten. Sie glauben auch, falls sie nicht durch einfache Annonce in der Zeitung bereits die gewünschten Kräfte erhalten haben, bei allgemeinen Arbeitsnachweisen eher die für sie geeigneten Persönlichkeiten zu finden, wie in den jüdischen. Und leider muss zugestanden werden, dass ihre Bedenken nicht ganz grundlos sind. Es lässt sich nicht bestreiten, dass noch immer ein grosser Teil der Arbeitsuchenden, die sich an jüdische Arbeitsnachweise wenden, solche sind, die aus persönlichen (also nicht aus allgemein-wirtschaftlichen) Gründen in ihrer bisherigen Existenz Schiffbruch gelitten haben, also tatsächlich in vielen Fällen ein minderwertiges Material darstellen, während die Elemente, welche durch ihre Fähigkeiten und ihre Ausbildung durchaus in der Lage sind, ihre Stellungen auszufüllen und nur durch die allgemeine wirtschaftliche Darniederlage oder durch antisemitische Machinationen ohne Stellung sind, kein genügendes Zutrauen zu jüdischen Arbeitsnachweisen haben, weil sie annehmen, dass hier nur minder dotierte Stellungen vermittelt werden. Wir befinden uns also hier in einem höchst eigenartigen und geradezu verhängnisvollen circulus vitiosus, unter welchem alle Teile erheblich leiden (übrigens bestehen ähnliche Vorurteile auch den allgemeinen Nachweisen gegenüber). Die Arbietgeber meiden die jüdischen Arbeitsnachweise aus Furcht vor minderwertigem Material, und die besseren Kräfte meiden sie vielfach, weil sie annehmen, dass

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