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Ost und West · 1903-04-01 · Heft 4 (April 1903) · p. Seite 285 - 286

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 4 (April 1903)
Article
Revue der Presse
Date
1903-04-01
Page
Seite 285 - 286 (sequence 1)
Language
German
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285 286 REVUE DER PRESSE Der „Oesterr. Wochenschrift" (Wien) wird aus London geschrieben: In der Sitzung vom 9. März verkündete der Vorsitzende der englischen Fremdenkommission, Lord James v. Hereford, dass die Vernehmung der Zeugen, welche gegen die Fremdeneinwanderung aussagen wollten, abgeschlossen ist, und dass nunmehr die Kommission zum zweiten Teil ihrer Aufgabe, zur Vernehmung der Zeugen, die zu Gunsten der Fremden aussagen wollen, schreiten werde. Es haben sich 50 solche Zeugen gemeldet, welche keineswegs alle Juden sind. Es wird sich nun zeigen, ob die englische Presse, welche den Verhandlungen vor der Kommission bis jetzt lebhaft gefolgt ist, auch jetzt, da sie nun für die Juden günstig lauten werden, der Angelegenheit das gleiche Interesse widmen wird. Als erster Zeuge dieser zweiten Kategorie trat am 12. März der Vorsitzende des Londoner jüdischen „Board of Guardians", Mr. Leonard L. Cohen, auf, der unter enormem Andrang des Publikums im Auftrage seines Boards über die jüdischen Armen in London erschöpfende Auskunft gab. Die fremden jüdischen Armen werden zum kleineren Teil aus dem Fonds für vertriebene russische Juden, sonst aber vom Board unterstützt. Ausser diesen beiden Institutionen und der jüdischen Volksküche giebt es in ganz London keine andere für die armen jüdischen Immigranten tätige Körperschaft. In den ersten 6 Monaten nach ihrer Einwanderung erhalten die fremden Juden vom „Board of Guardians" eine Unterstützung nur zu ihrer Rückreise, nach 6 Monaten werden sie auch zu anderen Zwecken unterstützt. Im Ganzen hat das „Board of Guardiansu in den letzten 8 Jahren 14700 arme jüdische Einwanderer unterstützt, davon aber nur 3350 im ersten Jahre nach ihrer Ankunft. Diese Zahl beweist unwiderleglich, dass die jüdischen Einwanderer, weit davon entfernt, „Paupers" zu sein, alle Geld mitbringen, hinlänglich genug, um sich länger als ein Jahr über Wasser zu halten. Erst der schwere Kampf ums Dasein auf einem ungekannten Terrain zwingt sie, im Verlaufe von 7 Jahjen die Hilfe ihrer Glaubensbrüder in Anspruch zu nehmen. Die Zahl der Ertrinkenden, die sich an den „Board of Guardians" zu klammern versucht haben, betrug in dem angegebenen Zeiträume 8512. Dass London für die fremden Juden durchaus kein goldener Boden ist, beweisen die 2835 Juden, welche noch nach 7jähriger Anwesenheit in London jüdische Hilfe in Anspruch nehmen mussten. Die Verhandlung wurde dann auf den 16. März vertagt. Aus New-York wird der „Jüdischen Presse" gemeldet: Das von der Repräsentanten - Kammer angenommene neue Einwanderungs-Gesetz ist mit der Approbation des Präsidenten Roosevelt dem Senat zugegangen, und gewichtige Faktoren sind an der Arbeit, um dasselbe auch durch die letzte gesetzgeberische Instanz durchzudrücken. Das neue Gesetz enthält in der seitens der Repräsentanten-Kammer angenommenen Fassung den überaus wichtigen Passus, dass alle Einwandernden imstande sein müssen, die Sprache ihrer Heimat zu lesen und zu schreiben. Dadurch würde es möglich sein, 24 pCt. aller erwachsenen Emigranten nebst ihren Familien zurückzuweisen. Die Massregel richtet sich in erster Reihe gegen die Italiener, welche nahezu 3o pCt. Analphabeten aufweisen. An zweiter Stelle würden die Polen hart betroffen werden, die in den letzten drei Jahren unter 145000 Immigranten im Alter von über 19 Jahren nicht weniger als 52000 Analphabeten hatten. Dicht hinter den Polen kommen die mit diesen aus denselben Ländern einwandernden und unter den gleichen politischen und ökonomischen Verhältnissen lebenden Juden. Dieselben haben in den letzten drei Jahren 176340 Einwanderer an die Vereinigten Staaten abgegeben, von deneu 133400 über 14 Jahre alt waren. Unter diesen befanden sich aber 25260 „Jlliteracy", welche, wenn das neue Gesetz bereits in Geltung wäre, mit ihren 10734 unmündigen Kindern am Landen verhindert worden wären. Dass die Juden, welche seit vielen Jahrhunderten in Gestalt des Cheder die allgemeine Schulpflicht besitzen, dennoch 23 pCt. „Analphabeten" hatten, rührt einzig und allein daher, dass die amerikanischen Hafenbeamten die hebräische Sprache nicht für voll ansehen, geschweige denn den Jargon. Es wäre eine Ehrenaufgabe für unsere amerikanischen Glaubensgenossen, wenigstens den Versuch zu machen, dass den beiden von vielen Millionen Juden gesprochenen Idiomen das bescheidene Mass von Gleichberechtigung eingeräumt werde, dass ihre Kenntnis für jene Forderung des Einwanderungs-Gesetzes ausreicht. Andernfalls kann die Folge sein, dass alljährlich Zehntausenden von heimatlosen Juden ihre letzte oder doch hauptsächliche Zufluchtstätte verschlossen wird. :J: :•: Der „Woskhod" (Petersburg) erfährt aus zuverlässiger Quelle dass die „Ica" sich mit einem neuen grossen Kolonisationsprojekt befasst. Die „Ica" soll nämlich beabsichtigen, grosse Ländereien in der brasilianischen Provinz Rio Grande zu erwerben, um in

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