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Ost und West · 1903-04-01 · Heft 4 (April 1903) · p. Seite 263 - 264

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 4 (April 1903)
Article
Das soziale Motiv der Tracht und die Judenfrage
Date
1903-04-01
Page
Seite 263 - 264 (sequence 3)
Language
German
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263 Alfred H. Fried: Das soziale Motiv der. Tracht und die Judenfrage. 264 in sich geschlossene Schicht, wenn eine bestimmte soziale Gruppe unter solch gefälschter Flagge segelt und gemeinsam die Erkenntnis dieser Fälschung hervorruft. Eine derartige Erscheinung ist sozial zu wichtig, um einfach verurteilt zu werden. Man muss sich die Frage vorlegen, welche Ursachen sind es, die eine ganze Klasse von Bürgern veranlassen, ihr soziales Erkennungszeichen zu fälschen und durch diese Fälschung die Annäherung mit Kreisen zu gewinnen, die ihnen nach Lebenshaltung, Lebensansprüchen, Erziehung und Interessen fremd gegenüber stehen. Der beobachtende Soziologe erkennt, dass es sich hierbei um eine soziale Schutzmassregel, um eine Art gesellschaftlicher Mimikry handelt. Das jüdische Kleinbürgertum findet den härtesten Widerstand und die ärgste Bedrückung in der ihm sozial adaequaten Schicht des nichtjüdischen Kleinbürgertums, was nicht zu verwundern ist, wenn man bedenkt, wie eng der Horizont dieser Klasse im Allgemeinen ist und wie sehr diese empfänglich ist für die durch niedrige Instinkte wachgerufenen Begierden. Kein Wunder, dass der jüdische Kleinbürger das natürliche Bestreben besitzt, dieser sozialen Schicht fern zu bleiben und sich im öffentlichen Leben in die nächst höheren Schichten zu flüchten, wo er eine etwas mildere, wenigstens leichter erträglichere Gegnerschaft vorfindet. Während aber dieser Teil des Judentums hier seine Zuflucht findet und seine Lebenshaltung erträglicher gestaltet, trägt er unmittelbar dazu bei, das Judentum in seiner Gesamtheit zu diskreditieren, und spielt auf diese Weise eine nicht zu unterschätzende Rolle in der sogenannten Judenfrage, einen Angriffspunkt fürdie antisemitischen und asemitischen Bestrebungen. Der jüdische Kleinbürger hat natürlich ganz dieselben Lebensgewohnheiten und Unarten und zum Teil auch denselben beschränkten Gesichtskreis, wie die andersgläubigen Kleinbürger. Während diese aber den besseren Schichten fernbleiben, von ihnen nicht gesehen werden und dadurch keine Veranlassung geben, Aergernis zu erregen, wird der jüdische Kleinbürger dadurch, dass er sich besser kleidet, dass er sich an den öffentlichen Treffpunkten mit den besser gewöhten, besser erzogenen Schichten vermengt, dauernd von diesen Schichten beobachtet. Seine Gewohnheiten erregen daher Aufmerksamkeit, fordern zur Kritik heraus, stossen ab, und die bedauerliche Folge davon ist, dass man in dieser verkleideten Gruppe die Gesamtheit des Judentums vermutet und ihre Unarten und Unbeholfenheiten der Gesamtheit zur Last legt. Die zu Tage tretenden Erscheinungen werden als „specifisch jüdisch" angesehen, während sie eigentlich nur specifisch kleinbürgerlich sind, und den besser gewöhnten und besser erzogenen Juden ebenso abstossen, wie den Nichtjuden. Alle die sogenannten jüdischen Unarten fallen nur deshalb auf, weil sie von Leuten mit ellenhohen Hemdkragen, mit braunen Glacees, silbernen Schirmkrücken etc. an Orten begangen werden, wo diese Tracht selbst nicht auffällig ist. Diese Unarten würden aber nicht auffallen, wenn sie von Leuten begangen würden, die unter dem einfachen Umlegekragen eine einfache schwarze Schleife tragen, die einen ramponierten Schlapphut auf den Kopf setzen und bei denen aus den unförmlichen Halbschuhen mit Gummizug grau gestrickte Wollsocken indiskret hervorgucken. Alle diese Eigentümlichkeiten, wie lautes Reden, schlechtes, nachlässigen Sitzen, unästhetisches Essen, Rüpelhaftigkeit und Aufdringlichkeit, sind nicht jüdische Eigentümlichkeiten, sondern die allgemeinen Eigentümlichkeiten einer schlecht erzogenen durch ihre Lebenshaltung nicht verwöhnten Gesellschaftsschicht. Wenn aber im Allgemeinen die besseren Kreise unserer christlichen Mitbürger den Irrtum begehen, diese Eigentümlichkeit dem Judentum in seiner Allgemeinheit zuzuschreiben, so erklärt sich dies daraus, dass sie jene öffentlichen Treffpunkte, wo man sonst das Kleinbürgertum findet, meiden, an ihren fashionablen Treffpunkten jedoch das jüdische Kleinbürgertum, das unter falscher Flagge segelt, vorfinden. Während dieser Umstand auf der einen Seite ein falsches Bild vom Judentum erweckt, erregt diese Absonderung des jüdischen Kleinbürgers aus der ihm angepassten sozialen Schicht erst recht den Hass dieser beschränkten Klasse. Obwohl diese Klasse ihren jüdischen Mitbürgern das Leben unerträglich macht, verdammt sie die notwendige Konsequenz ihrer Handlungsweise und die Flucht des Judentums aus ihren Reihen. Die berechtigte Ursache dieser Flucht begreifen diese Leute nicht, und sie sind nur zu leicht bereit, unwahre Ursachen unterzuschieben, wie z. B. Selbstüberhebung, Prunksucht etc. Bei näherer Betrachtung ergiebt sich die vielleicht überraschende Tatsache, dass das soziale Motiv der Tracht innerhalb der Judenfrage keine untergeordnete Rolle spielt, ferner die Tatsache, dass gerade der den kleinbürgerlichen Juden von ihren Verfolgern auferlegte Zwang, unter einem gefälschten sozialen Erkennungszeichen zu leben, auf der anderen Seite wieder Veranlassung zu judengegnerischer Betätigung giebt, dass also auch hier das Böse „fortwährend Böses muss gebären." —

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