Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Das soziale Motiv der Tracht und die Judenfrage
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 261 - 262 (sequence 2)
- Language
- German
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261 Alfred H. Fried: Das soziale Motiv der Tracht und die Judenfrage. 262 Es kommt bei diesem äusseren Verkehr in erster Linie darauf an, die gleichen Lebensgewohnheiten, die gleichen Lebensansprüche, Erziehungsgrundlagen und Lebensinteressen festzustellen, sodass die Gefahr beseitigt wird, bei der notwendigen näheren Berührung das Unbehagen von allzu schroffen Gegensätzen zu empfinden. Gerade weil es sich nur um den äusseren Verkehr der Gesellschaftsschichten handelt, so dass die innere Wertung garnicht in Betracht kommen kann und auch überflüssig ist, ist solch ein äusseres Regulierungsmoment wichtig und förderlich. Dieses Bedürfnis, die an gleiche Lebenshaltung und an gleiche Lebensansprüche gewöhnten Kreise leichter zu erkennen, besteht nicht nur bei den höheren Gesellschaftsschichten, sie ist in demselben Masse auch bei den einfacheren Kreisen vorherrschend. Wo überall ein Unterschied nach dieser Richtung vorhanden ist, tritt ein gewisses Unbehagen und ein Gefühl der Isoliertheit zu Tage. Aber nicht nur der Kommerzienrat und Reserve - Leutnant empfinden dieses LJnbehagen, wenn sie in Kreise von Kleinbürgern oder Arbeitern geraten, auch Gevatter Schneider und Handschuhmacher fühlen sich nicht wohl, wenn sie durch Zufall an irgend einem öffentlichen Treffpunkt in Kreise geraten, welche sich durch fein geplättete Cylinder, elegante Kravatten, eilenhohe Hemdkragen und silberne Schirmkrücken etc. unterscheiden. Man wird schon häufig die Zeichen der Unbeholfenheit und Verlegenheit bei solchen Leuten beobachtet haben, die, einfachen Kreisen entstammend, plötzlich einmal den Versuch gemacht haben, eines der feineren Restaurants aufzusuchen. Die Geldfrage spricht dabei überhaupt nicht mit, sonst wären die 5 Pfg., die auf unseren Stadtbahnen die 2. Klasse von der 3. scheiden, keine ausreichende Barriere. Während man hingegen in Berlin an Sonnabenden nach der Lohnauszahlung häufig beobachten kann, dass sich Arbeiter in ihren Arbeitskitteln, mit ihren Werkzeugen unterm Arm, einen Taxameter leisten, so wird man doch nur selten sehen, dass sie sich in der Stadtbahn oder Hochbahn in die nur 5 Pfg. teuerere 2. Klasse setzen. Nicht das Geld hält den Maurer-Polier oder Schlächtermeister davon ab, die öffentlichen Lokale der besser gekleideten Gesellschaft aufzusuchen, sondern hier wie dort das innere Verlangen mit Menschen gleicher Lebenshaltung zu verkehren. In Berlin besteht zwischen dem Bier- und Weinrestaurant nicht nur ein sachlicher Unterschied, sondern auch eine soziale Kluft. Das Weinrestaurant gilt als vornehmer. Aber auch hier sehen wir, dass nicht der Preisunterschied die soziale Unterscheidung mit sich bringt, denn in den letzten Jahren sind in Berlin zahlreiche Weinrestaurants entstanden, deren Preise sogar niedriger sind, als die Preise vieler Bierlokale. Und dennoch finden wir in diesen Weinrestaurants nur die besser gekleideten Schichten der Gesellschaft, während die einfacheren Schichten dort selten oder fast nie zu sehen sind. Man kann hieraus deutlich ersehen, dass die einzelnen Gesellschaftsschichten an den öffentlichen Treffpunkten möglichst unter sich sein wollen, nicht aus Voreingenommenheit oder Verachtung gegen die anderen Schichten, sondern nur aus einem instinktiven Bestreben nach Ruhe und Behaglichkeit, die nur erreicht werden können unter Vermeidung der Reibung von Gegensätzen. Zur Erreichung dieses Zweckes dient die Mode, d. h., die Art, wie sich der Einzelne kleidet, als Hilfsmittel. Es würde hier zu weit führen, näher auf die psychologische Bedeutung der Mode einzugehen^ festzustellen, dass selbst innerhalb gewisser Schichten noch feine Nüancierungen eintreten, dass die Uebertreibung ebenso als Erkennungszeichen gewisser Kreise gilt, als die Unterschätzungen der Mode, dass ferner die Mode für die beiden Geschlechter von ungleicher Bedeutung ist, dass namentlich bei der Frau der Umstand, dass sie zumeist nur Das gilt, was sie scheint, ganz besonders in Betracht gezogen werden muss. Hier handelt es sich aber bloss darum, das soziale Motiv der Mode und eine ganz bestimmte, damit zusammenhängende Erscheinung in Betracht, zu ziehen, sodass solche Erörterungen füglich überflüssig sind. Wichtiger ist hierfür der Hinweis auf die Tatsache, dass dieses notwendige Erkennungszeichen vielfach bewusst gefälscht wird. Leute, die aus niederer Lebenshaltung hervorgegangen und durch Erwerb von Vermögen nun das Bedürfnis haben,, sich auch als im Besitze höherer Lebensgewohnheiten befindlich, zu legitimieren, pflegen diese Fälschung meistens vorzunehmen. Der Parvenü ist eine ziemlich häufige Erscheinung in unserem Leben, und man weiss, wie sehr er dem Spott anheimfällt. Der Konflikt zwischen seinen Lebensgewohnheiten und Ansprüchen mit der äusseren Form, in der er sich giebt, tritt sehr rasch zu Tage und führt zu leicht zu der Erkenntnis, dass hier Jemand unter falscher Flagge segelt. Die Gesellschaft geht mit Humor und Mitleid über solche Leute zur Tagesordnung über. Anders aber ist die Wirkung, wenn eine ganze