Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Die "Alliance Israélite Universelle"
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 259 - 260 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583909-2586982--02753-2587055- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
259 Dr. S. Bernfeld: Die „Alliance israelite universelle". 260 man würde grössere Summen unter den deutschen Juden für unsere Brüder im Osten aufbringen, wenn die Beziehungen zu Paris aufgegeben sein würden. Ueber diese Schnorrermoral wrird die jüdische Geschichte dereinst ihr Urteil abgeben. Leider hat es in Deutschland in der letzten Zeit an tatkräftigen Männern gefehlt, für die Allianz mutvoll und energisch einzutreten. In Berlin ist die Vertretung in ehrlichen, aber untätigen Händen. Seit Jahren hat sie von sich kaum ein Lebenszeichen gegeben, und gerade dies hat viel dazu beigetragen, die Absplitterung der deutschen Juden so leicht zu vollziehen und sie gar zu einem verdienstvollen Werk zu machen. In Ungarn, Holland, Belgien, Italien und in den skandinavischen Ländern, zum Teil aber auch in Deutschland, wird aber noch immer an der einheitlichen Organisation festgehalten. Die Allianz hat im Laufe der Jahre viel von ihrer Bedeutung und von ihrem Einfluss eingebüsst; politisch kommt sie überhaupt nicht mehr in Betracht, wie ja in unserer so fortgeschrittenen Zeit, in der das Prinzip der Nichtintervention proklamiert ist, für keine verfolgte und gepeinigte Minderheit etwas zu erreichen ist, wenn dies nicht im Interesse einer Grossmacht liegt, der sich zufällig eine günstige Gelegenheit zur Wahrnehmung ihrer Interessen bietet. Die Allianz kann jetzt nur nach innen erspriesslich wirken. Aber dann bedarf sie einer weitgehenden Reorganisation. Sie muss mehr dem Volk angehören und mit dem Volk in inniger Berührung sein. Es giebt unzählige gemeinsame jüdische Aufgaben, kulturelle in erster Reihe, bei denen die Allianz ihre Kräfte erproben könnte. Im Prinzip unterscheidet sie sich sehr vorteilhaft von allen anderen Vereinigungen dieser Art: sie bildet keinen blossen Unterstützungsverein, der bei schlechter Leitung — und das ist ja leider bei den meisten solcher Vereine der Fall — mehr demoralisierend als nützlich wirken kann, sondern eine Organisation der Selbsthilfe. Die Allianz hat niemals die kulturellen Aufgaben ausser Acht gelassen, da sie auch die Wissenschaft des Judentums mit bedeutenden Summen gefördert hat; überall hat sie die Glaubensgenossen, denen sie helfen sollte, zur Mitarbeiterschaft eingeladen, sie wollte somit niemals als eine Art geldspendende Vorsehung erscheinen. Die Mängel der Allianz sind also nicht in ihren Prinzipien, sondern in der Organisation zu suchen. Diese kann aber, wenn der Wille dazu vorhanden ist, eine andere und bessere werden. Wir hoffen und wünschen dies; wir erwarten von der Generalversammlung, dass sie für die Zeitströmungen Verständnis zeigen wird. Die Allianz erscheint noch immer berufen, in der Judenheit eine wichtige Rolle zu spielen, wenn sich deren Leiter der begangenen Irrtümer bewusst werden und sich bestrebt zeigen, sie nunmehr gut zu machen. Das, was sie auf ihre Fahne geschrieben hat: „Alle Juden sind Brüder", bedeutet ein Programm. Es wäre nun an der Zeit, das es zur Wahrheit werde! DAS SOZIALE MOTIV DER TRACHT UND DIE JUDENFRAGE. Von Alfred H. Fried. Die Mode ist das soziale Erkennungszeichen. Nach Ihering ist sie für die Gesellschaft dasselbe, was der Feldruf dem Soldaten ist. Ist dieser verraten, muss ein neues Losungswort ausgegeben werden, oder man ändert dieses Losungswort täglich, um dem Verrat vorzubeugen. Dieses Motiv liegt auch den Wandlungen der Mode zu Grunde. Sie geht von den oberen Gesellschaftsschichten nach unten, und sobald sie eine tiefere Schicht erreicht, hat sie für die nächst höhere den Wert als soziales Unterscheidungszeichen verloren. Selbstverständlich kann dieses Unterscheidungs¬ und Erkennungszeichen niemals als ein innerer Wertmesser der gesellschaftlichen Schichten oder der einzelnen Individuen betrachtet werden, und es beruht nur auf einer Oberflächkeit des Sprachgebrauchs, wenn man von „besseren Kreisen" oder „besseren Ständen" spricht und damit nur die besser gekleideten, an eine bessere Lebenshaltung gewöhnten Kreise und Stände meint. Es ist wahrlich genügend bekannt, dass man sehr oft den Lumpen im Frack und den Ehrenmann im Zwilchkittel antrifft, um dies hier noch besonders betonen zu sollen. Dennoch ist die Verschiedenartigkeit der Kleidung ein notwendiges gesellschaftliches Hilfsmittel, das in unserem öffentlichen Leben kaum entbehrt werden kann. Bezeichnet uns diese Verschiedenartigkeit auch keinesfalls die moralischen Qualitäten der sozialen Gruppen und der Individuen, so dient sie doch als wichtiger Wertmesser im öffentlichen Verkehrsleben der Gesellschaft, wo es mehr auf äusserliche Unterscheidungen ankommt. Die Verschiedenartigkeit der Tracht und ihre jeweiligen Veränderungen, die wir gemeinhin als Mode bezeichnen, sind die Signale für die Weichenstellung im intersozialen Verkehr.