Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Die "Alliance Israélite Universelle"
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 257 - 258 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583909-2586982--02752-2587054- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dr. S. Bernfeld: Die „Alliance israelite universelle". 258 Missgriff bestand aber darin, dass man den Schulen ein so kleinliches, nichtssagendes Wesen verlieh. Sie waren Schulen für Juden, aber keine jüdischen Schulen. Es ist dies ein Fehler, der wohl niemals gut zu machen sein wird, denn gerade der Orient war in jener Zeit durch die politischen und ethnologischen Verhältnisse am besten dazu geeignet, die jüdische Jugend jüdisch erziehen zu lassen. Die Allianzschulen waren in ihrer Selbstverwaltung von keiner Seite beschränkt; die Regierungen der Balkanstaaten und der Türkei hätten ihnen keine Hindernisse in den Weg gelegt, wenn da das Judentum eine weitgehende Pflege gefunden hätte. Ausserdem kannten die sephardischer Juden, für die in erster Reihe jene Schulen errichtet worden sind, nicht den religiösen Fanatismus, die kulturelle Rückständigkeit der osteuropäischen Juden, die überhaupt keine modernen Schulen leiden mochten. Die sephardischen Juden haben vertrauensvoll ihre Jugend diesen Schulen übergeben, wo sie eine allgemeine europäische Schulbildung nebst einigen Stunden wöchentlich „Religionsunterricht" erhielt. Erst nach etwa zwanzig Jahren, als unterdessen eine neue Generation herangewachsen war, äusserlich französisch angefirnisst, innerlich aber hohl und zum Teil sogar demoralisiert, erst dann wurde man über diese Erziehungsresultate äusserst bedenklich. Dann begann auch der Kampf gegen die Allianz, und in diesem Kampf vergass man, wie es eben in der Hitze des Kampfes zu geschehen pflegt, das viele Gute, das die Allianz für die Gesamtheit getan hatte. Diese Vereinigung, die doch immerhin zum erstenmal im neunzehnten Jahrhundert den Grundsatz aufstellte, dass die Judenheit zusammengehöre, hat nicht nur für die politische Gleichstellung der Juden überall gestrebt und gewirkt, sie war auch oft in der Lage, für verfolgte oder sonst notleidende Glaubensgenossen das Hilfswerk zu organisieren. Sie hätte unbedingt auch auf diesem Gebiete viel mehr leisten können, wenn die Zeitverhältnisse ihr nicht hinderlich in den Weg getreten wären. Die Allianz hatte ihren Sitz in Paris, aber sie war keineswegs eine Vereinigung bloss der französischen Judenheit. Ueberall, wo keine gesetzliche Bestimmung dem im Wege war, wxirden Zweigcomites gegründet. Ihre Stärke machte aber die Einigkeit aus. Hilfsvereine hätte es ja in allen Ländern geben können; aber die Allianz sollte eben die Vertreterin der gesamten Judenheit sein, nach innen wie nach aussen; sie sollte auch bei den Juden das Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit erhalten und stärken. Im gewissen Sinne war die Allianz die Vorläuferin der zionistischen Kongresse, nur mit dem Unterschiede, dass sie eine zu aristokratische Grundlage hatte und nicht im Volke wurzelte. Dadurch wird sich auch ihr Niedergang erklären lassen. Wäre die Allianz mehr volkstümlich gewesen, so hätte es wohl schwerlich einigen ehrgeizigen Geldaristokraten, die sich gerne in ihrem „Vereinlein" aufblasen und da die Vorsehung spielen, gelingen können, diese erste jüdische Gesamtvertretung zu sprengen. Den Anfang dazu haben die Ereignisse im Jahre 1870 71 gemacht. Während der Kriegswirren musste natürlich das Hilfswerk, das nicht eingestellt werden konnte, nach einem anderen Punkt verlegt werden. Es entstand somit, zuerst provisorisch, die „ Anglo Jewish Association" in London. Aber sie löste sich nach dem Kriege nicht auf, sondern blieb eine Schwester-Organisation neben der Allianz. In Oesterreich konnten sich die Juden aus vereinsrechtlichen Gründen nicht der französischen Organisation anschliessen, und so entstand die österreichische israelitische Allianz, die übrigens in den dreissig Jahren ihres Bestehens keine Bedeutung erlangen konnte. Der Schwerpunkt blieb Deutschland. Natürlich erhoben sich damals, als die Wogen der nationalen Leidenschaft infolge des Krieges so hoch gingen, Stimmen dafür, die deutschen Zweigvereine von der Organisation loszulösen. Die Judenheit zu entnationalisieren, erstrebten ja von jeher alle Assimilationsanbeter. Freilich versicherten die Leiter der Allianz, dass sie keine Politik treiben, und schliesslich haben ja auch nicht die Katholiken und die Protestanten Deutschlands nach den Ereignissen von 1870/71 ihre religiösen Beziehungen zu den Katholiken und Protestanten Frankreichs aufgegeben. Aber bei manchen deutschen Juden wrar eben das nationale Gefühl „so mächtig", dass sie an der Zugehörigkeit zur Allianz Anstoss und Aergernis nahmen, zumal doch die judenfeindliche Presse ihnen dies zum Vorwurf machte. Indessen war die deutsche Judenheit vor dreissig Jahren doch noch besser erzogen, als dass sie sich in der Mehrheit von den hochtrabenden Phrasen des nationalen Chauvinismus in ihrer Pflicht gegen die Gesamtheit hätte beirren lassen. Das Zerstörungswerk, an dem sich einige Streber versucht hatten, misslang demals. Erst unserer Zeit blieb es vorbehalten, nachdem die Gedankenlosigkeit bei uns so schrecklich überhand genommen hatte, die Gesamtorganisation in Deutschland zu sprengen, wenn die Allianz auch formell noch immer hier ihre Vertretung hat. Unter den verschiedenen Gründen für diese Zersplitterung wurde auch der angegeben,