Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Geskel Saloman
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 255 - 256 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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255 Dr. Adolph Kohut: Geskel Salornan. 256 deutendste Litterarhistoriker Schwedens, eine kurze aber warme Ansprache. Er sagte u. A. : „Vom ersten Anfang an, als Du, ein kleiner Chorknabe, in der Synagoge sangst, oder als Jüngling in die Lehrsäle der Kunst eintratest, bis Du als geachteter und geehrter Greis von der Staffelei und den Lehrsälen fortgerufen wurdest, stand Dein Sinnen und Trachten nach erhabenen Zielen. Schon frühzeitig war Dir die Welt der Farben und das Reich der Töne wert. Der ersteren hast Du Deines Lebens bestes Wirken geeignet, geleitet von hoher Liebe zum Schönen. In der schwedischen Stadt, in der Du dich niederliessest, gabst Du vielfach Anleitung zur Entwickelung der Kunst, und hier in der Hauptstadt bist Du durch Deine reifen und nutzreichen Ratschläge, Dein glühendes Kunstinteresse, Dein gutes Herz geliebt und geachtet worden in allen Kreisen, in denen Du wirktest. Der Geist der unbedeutenden Naturen schrumpft mit dem Alter ein, aber ein edler Sinn erweitert sich mit den Jahren und wird reicher. vSo war der Fall mit Dir! Stets hast Du an Deiner eigenen Fortbildung gearbeitet; auf vielen Gebieten des Wissens warst Du bewandert, und stets sehntest Du Dich nach mehr Licht! Deine Arbeitslust als Künstler und Forscher erlöschte erst mi tDeinem Leben. Demütig in Deiner Verehrung für Kunst und Wissenschaft hörtest Du gern auf den Rat und das Urteil Anderer, und freutest Dich wie ein Kind über jedes anerkennende Wort. Aber über Dich hinaus stelltest Du immer das Ziel, für das Du wirktest und dem Du bis zuletzt treu bliebst. Und das ist wohl die beste Nachrede, die einem werden kann, die, dass man den Idealen, die man sich im Leben erkoren hat, treu geblieben ist. Für diese Hinterlassenschaft danken wir Dir! Aber nicht weniger danken wir Dir für all das Gute, das Du als einzelner Mensch gethan; für Deinen Ernst, für Deinen Scherz, für Deine Milde bei Beurteilung gegnerischer Meinungen, für Deine neidlose Freude über die Erfolge Anderer, für Deine hilfreiche Hand und Dein getreues Herz." DIE „ALLIANCE ISRAELITE UNIVERSELLE'4. Von Dr. S. B e r n f e 1 d. Nach einer langen Pause von zweiundzwanzig Jahren beruft die allgemeine israelitische Allianz in Paris für Ende April eine Generalversammlung, auf der wohl wichtige Zeitfragen, die Judenheit betreffend, zur Erörterung gelangen dürften. Die Allianz blickt auf ein Bestehen von über vierzig Jahren zurück; es hat eine Zeit gegeben, wo sie die alleinige und allgemein anerkannte Führerin der westeuropäischen Judenheit gewesen ist. Ihre Verdienste, die sie sich um das Judentum erworben hat, kann nur derjenige in Abrede stellen wollen, der entweder mit der Geschichte des jüdischen Volkes in den letzten vierzig Jahren nicht vertraut oder alles nur von seinem Parteistandpunkt aus zu beurteilen gewöhnt ist. Eine objektive Betrachtung der Dinge wird uns aber sagen, dass der Allianz trotz ihrer Mängel und Fehler ein würdiger Platz in unserer Geschichte gebührt. Vor allem steht die Tatsache fest, dass sie die erste jüdische Vereinigung war, die die ganze Judenheit umfassen wollte und die Selbsthilfe zu ihrer Aufgabe machte. Als die Allianz entstand, war die politische Gleichberechtigung der Juden im Westen Europas so ziemlich durchgeführt oder auf dem besten Wege, gesetzlich anerkannt zu werden. Kein Mensch dachte damals daran, dass der schöne Traum nur von kurzer Dauer sein würde. Im Gegenteil knüpfte man an die gesetzliche Gleichberechtigung der Juden die Hoffnung, dass sie auch die gesellschaftliche Gleichstellung bringen würde. Unter solchen Umständen erinnert sich die westeuropäische Judenheit dessen, was sie ihren osteuropäischen Glaubens- und Stammesbrüdern schuldig sei. Der Gedanke, eine allgemeine jüdische Vereinigung ins Leben zu rufen, um die bürgerliche Gleichstellung aller Juden im Osten zu erkämpfen und gleichzeitig ihnen europäische Bildung beizubringen, war an sich sehr löblich. Dass bei der Verwirklichung dieses Ideals leider viele Fehler gemacht worden sind, kann nicht genug bedauert werden. Paris galt als der geeignete Ort für die Schaffung einer jüdischen Organisation weil erstens in Frankreich die bürgerliche Gleichstellung der Juden auf fester Grundlage zu beruhen schien und ausserdem die Machtstellung Frankreichs damals den Höhepunkt erreicht hatte. Von Paris aus konnte man leicht die europäische Diplomatie für die verfolgten Juden in halbbarbarischen Staaten des Ostens anrufen, was auch oft genug mit gutem Erfolg geschah. Da sich aber die Allianz nebenbei auch zur Aufgabe gestellt hatte, im Orient Schulen für die jüdische Jugend zu eröffnen und zu unterhalten, so lag ja der Gedanke sehr nahe, dem Schulwesen einen französischen Anstrich zu geben. Dies schien auch für die Judenheit im Orient sehr vorteilhaft zu sein, weil in jenen Jahren das französische Element dort vorherrschend war. Der