Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Altneuland
- Date
- 1903-04-01
- Page
- Seite 231 - 232 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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23i Achad Haam: Altneuland. 232 — nämlich 1923 —, wo wir es schon so herrlich weit gebracht haben. Es war also Anfang Herbst 1903. Der Charter wurde in Konstantinopel unter folgenden Bedingungen erteilt: Die Neue Gesellschaft für die Kolonisation von Palästina zahlte der türkischen Regierung auf der Stelle 2 Millionen Pfund Sterling bar und verpflichtete sich ausserdem, 30 Jahre lang an den Staatsschatz 50000 Pfund jährlich ausser einem Viertel vom Reingewinn der Gesellschaft abzuführen. Weitere 30 Jahre hindurch wird sie keine feste Steuer mehx, sondern nur noch die Hälfte des Reingewinn zu entrichten haben. Dafür erhielt die Gesellschaft die Erlaubnis, in Palästina die neue Kolonisation einzuführen und unter türkischer Oberhoheit autonom zu verwalten. Was ist nun die Neue Gesellschaft? Kein Staat, nur eine grosse Genossenschaft, deren Mitglieder sich im Lande ansiedeln; doch verpflichtet das Ansiedeln im Lande noch keineswegs, der Gesellschaft anzugehören, und noch „heute", d. h. nach 20 Jahren, giebt es im Lande Juden, die nicht zur Gesellschaft gehören. Die Bevollmächtigten sind natürlich die vom Kongress gewählten Führer, die auch den Charter unterzeichnet haben; diese wählen ein Direktorium, das sofort das Kolonisationswerk in Angriff zu nehmen hat. Daneben existiert eine Aktiengesellschaft, deren Mitglieder Londoner Millionäre sind und die ein Vermögen von 10 Millionen Pfund besitzt, nach 10 Jahren aber von der Neuen Gesellschaft um das zweifache dieser Summe ausgekauft wird. Doch bleibt die Rolle dieser Aktiengesellschaft unklar, da sie bald spurlos verschwindet, und fernerhin alles, vom ersten Schritt ab, einzig durch das Direktorium der Neuen Gesellschaft vor sich geht. Wie es scheint, soll diese Aktiengesellschaft nur ein Auskunftsmittel sein, um zu zeigen, woher das Geld für die ersten Bedürfnisse — bevor noch die armen Kolonisten mit ihrer Hände Arbeit die ungeheuren Reichtümer der Neuen Gesellschaft geschaffen hatten — herkam, zu welchem Zweck fernerhin auch die „nationalen Stiftungen" (lies: Jca) erwähnt werden, deren Vermögen im Jahre 1900 12 Millionen Pfund betrug, und die weiterhin nicht mehr vorkommen, ohne dass wir erfahren, ob sie ihr ganzes Vermögen der Neuen Gesellschaft vermacht haben, ohne sich in ihre Arbeit einzumischen oder sich auf irgend eine Weise daran beteiligten. . . . Immerhin, an Geld für die ersten Ausgaben war kein Mangel. Das Direktorium machte sich auch sogleich ans Werk, wie es scheint, ohne erst die „öffentlich-rechtliche" Bestätigung des Charters von Seiten der anderen Regierung abzuwarten. Von einer solchen Bestätigung ist in dem Buche nirgends die Rede. Und in der That, da der Staat im Grunde noch kein Staat, sondern nur eine Genossenschaft mit ökonomischen und sozialen Zielen ist, so bildet ja das Ganze nur eine interne Angelegenheit der Türkei, bei der für eine politische Aktion von Seiten anderer Regierungen kein Raum ist. An der Spitze des Direktoriums steht Joe Levy, und es wurde ausbedungen, dass das Inkrafttreten des Charters vorläufig nicht bekannt gegeben werde, auf dass keine überstürzte Immigration entstehe und der Preis des Bodens nicht steige. Zu dem Zweck „versprach" auch die türkische Regierung, vorläufig noch die alten Einwanderungsverbote aufrecht zu erhalten. So wurde einer ungeordneten, regellosen Einwanderung vorgebeugt, und Levy konnte alle nötigen Vorbereitungen treffen. Die Thätigkeit musste sofort nach der Regenzeit beginnen (vermutlich, damit nicht die Erträgnisse einer Ernte verloren gehen), für die Vorbereitungen blieben also nur etwa 4 Monate übrig. Doch Joe Levy vermag alles. Sofort machte er sich ein Bureau in London auf . und verteilte die Arbeit unter ausgezeichnete Männer, von denen ein jeder für die ihm übertragene Funktion wie eigens geschaffen schien. Wir brauchen uns also nicht zu wundern, dass alle die Herren ihre Aufgaben musterhaft erfüllten und es nichts gab, was ihre Kräfte überstieg. Alladino, dem es oblag, Grund und Boden in Palästina zu erwerben, — der Charter gewährte nämlich nur die Erlaubnis der Regierung,1 sich im Lande anzusiedeln, während der Boden von Privaten gekauft werden muss — Alladino begab sich sofort dorthin mit 50 Millionen Francs in der Tasche, und seiner grossen Klugheit gelang es, im Verlaufe der vier Monate allen nötigen Boden, d. h. mehrere Millionen Dun am, „zu gemässigten Preisen" zu erwerben, ohne dass die Besitzer und ihre Makler gemerkt hätten, dass Nachfrage herrsche und man den Preis in die Höhe treiben könne. Alladino ist gescheiter als sie alle zusammen..... Gleichzeitig aber begaben sich die anderen Bureauvorsteher nach den verschiedenen Ländern, wo ein jeder eine bestimmte Mission hatte: der Eine nach Amerika, um Maschinen einzukaufen, der Andere nach Australien, um Eukalyptusbäume und andere Pflanzen nebst Samen zu bringen, der Dritte nach Europa, um Baumaterialien und Geräte zu erwerben; die übrigen nach Russland und den anderen Judenländern, um den Gang der Emigratton zu ordnen und zu überwachen, damit nur geeignete und brauchbare Personen sich an der Emigration beteiligten. Dies Regeln der Emigration nahm in Russland drei Wochen, in Rumänien, Galizien etc. nur zwei Wochen in Anspruch. Man wundere sich aber über die Kürze der Zeit'nicht, sondern bedenke, dass die zionistischen Verbände die Sache in die Hand nahmen. . , Auch Amerika lieferte ein Emigrationskontingent, bekanntlich giebt es ja auch dort schon in den grossen Städten zu viel Juden, warum also soll man diese nicht nach Palästina herüberholen? Auch dort wurde die Sache unschwer durch die zionistischen Verbände zu Wege gebracht. — Der Architekt Steineck, dem das Bauwesen unterstand, war mittlerweile auch nicht müssig gewesen. Er hat alle Länder Europas durchstreift, überall das nötige Bau-, material gesammelt und sich nebenbei einen Stab von Helfern geschaffen, bestehend aus Jünglingen, die soeben ihre Studien an den technischen Hochschulen in Europa beendet hatten. Sechs Wochen nachdem der Charter unterfertigt war, hatte sich Steineck in Jaffa ein Bureau organisiert, in dem etwa 100 junge Ingenieure an seinem Werke mitarbeiteten. Natürlich machte die Sache grossen Eindruck auf die jüdischen Techniker, da sich vor ihnen ein neues Gebiet nützlicher Thätigkeit, vielleicht sogar eine glänzende Karriere aufthat; darum bestrebten sich viele, die Studien zu beenden und die Prüfungen so rasch als möglich zu machen. So war denn alles zum festgesetzten Termin bereit. Doch nein! Noch fehlte es an Nahrungsmitteln, Kleidern und ähnlichen dem Individuum wie der Familie nötigen Dingen, die im voraus bereit gehalten werden mussten, damit die Kolonisten beim Anlangen alles ohne besondere Mühe zur Hand haben. Levy und seine Freunde wollten weder Zeit noch Kraft auf diese nebensächliche Tätigkeit vergeuden. Was taten sie also? Sie liessen unter englischen, französischen und deutschen Grosskaufleuten bekannt machen, dass eine grosse Kolonistenimmigration nach Palästina bevorstehe — und die Kaufleute beeilten sich, in Palästina grosse Magazine zu eröffnen. So ent-