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Ost und West · 1903-04-01 · Heft 4 (April 1903) · p. Seite 219 - 220

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 4 (April 1903)
Article
Die Juden von gestern
Date
1903-04-01
Page
Seite 219 - 220 (sequence 2)
Language
German
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219 Die Juden von Gestern. 220 wurde dieses Buch gelesen, besprochen und diskutiert. Doch entsprach die Wirkung lange nicht den daran geknüpften Hoffnungen. Die erwartete „werbende Kraft" nach aussen versagte vollständig. „Altneuland" hat dem Zionismus des Herrn Dr. Herzl keine neuen Freunde zugeführt, keinen von den prinzipiellen Gegnern für die Sache gewonnen. Aber auch im eigenen Lager hat es nicht nur keine übereinstimmende Befriedigung, sondern im Gegenteil sehr gemischte Gefühle hervorgerufen. Die Einen begrüssten es, schon weil es aus der Hand des Meisters kam und eine Offenbarung seiner Pläne brachte, mit lautem Entzücken; andererseits aber erregte es auch starkes unverhohlenes Miss vergnügen. Von einem leisen Achselzucken und einem Kopfschütteln bis zur energischen Ablehnung waren alle Schattierungen der Enttäuschung vertreten. Uns gegenüber haben Personen, deren gut zionistische Gesinnung keinem Zweifel unterliegt, unter anderen solche, in deren Händen die Leitung des Wiener zionistischen Organs lag, in drastischen Worten den Gefühlen schwerster Enttäuschung über „Altneuland" Ausdruck gegeben. Die bisher in Tageblättern und Wochenschriften erschienenen Besprechungen von „Altneuland" rührten entweder von blinden Gegnern des Zionismus oder aber von litterarischen Kollegen und persönlichen Freunden des Verfassers her, die aber entweder keine Juden oder keine Zionisten sind; weder den Einen noch den Anderen war es um eine wirkliche Klärung des Problems zu tun. Das Alles bestärkte uns nur in der Ueberzeugung, dass eine Diskussion über das Buch in einem völlig unabhängigen und darum keiner Beeinflussung oder Verschleierung verdächtigen jüdischen Organe im Interesse des ferneren Gedeihens und der ungehemmten Entwickelung des Zionismus dringend geboten sei. Unter allen uns zur Verfügung stehenden, mehr oder weniger kritisch gehaltenen Besprechungen des Buches aus der Feder hervorragender und markanter Persönlichkeiten der zionistischen Partei glaubten wir der von Achad Ha am, die wir weiter unten folgen lassen, den Vorzug geben zu sollen, nicht allein wegen der grossen und uneingeschränkten Hochschätzung, deren sich dieser Mann auch bei seinen heftigsten Gegnern als Mensch und als Schriftsteller erfreut, sondern auch darum, weil Achad Haam, der seit mehr als 15 Jahren innerhalb der zionistischen Bewegung eine der einflussreichsten Stellungen einnimmt, wohl einer der 'Berufensten ist, um über Bedürfnisse, Stimmungen und Lage des jüdischen Volkes zu urteilen, und da er mehrere Male Palästina bereist und jedesmal lange Zeit sich dort aufgehalten hat, wohl einer der besten Kenner der politischen und ökonomischen Lage des Landes ist. Nicht zuletzt aber leitete uns die Erwägung, dass die Ausführungen Achad Haams, wie unsere Leser sich ja selber überzeugen werden, bei alier Unumwundenheit der Kritik, jenen sachlichen, ruhigen und vornehmen Ton aufweisen, der alle Arbeiten dieses Mannes kennzeichnet. Wer die schriftstellerische Tätigkeit und die noble Persönlichkeit dieses Mannes kennt, der wird es selbstverständlich finden, dass Achad Haam in seiner Kritik mit der strengsten Objektivität verfährt und mit keinem unehrerbietigen Worte die Person des Verfassers von "Altneuland" berührt, geschweige seinen guten Glauben und Willen in Zweifel zieht. Aus allen diesen Gründen entschieden wir uns für den Artikel Achad Haams. Aber um Herrn Dr. Herzl die Möglichkeit zu geben, die Einwände des Kritikers auf der Stelle zu widerlegen, sandten wir . ihm einen Abzug des Artikels zur Einsichtnahme und stellten ihm so viel Raum, als er für eine angemessene Erwiderung beanspruchen würde, zur Verfügung; letztere sollte zusammen mit der Kritik erscheinen und ihr so dieselbe weite Publizität gesichert werden, wie den Ausführungen des Gegners. Durch die Nebeneinanderdarstellung von Meinung und Gegenmeinung waren wir überzeugt, der Aufklärung des Publikums zu dienen und zugleich der Sache selber zu nützen, indem wir Dr. Herzl die Möglichkeit boten, die starken Zweifel an dem Wert seiner Konstruktionen, die sich allenthalben regten, vor der weitesten Öffentlichkeit zu entkräften. Aber es kam anders. Wir ahnten nicht, dass wir schon allein durch den Schatten eines Zweifels an die absolute Unfehlbarkeit des Dr. Herzl das todeswürdige Verbrechen einer Majestätsbeleidigung auf uns geladen hatten. Der Artikel Achad Haam's erforderte nach der offenbar am Wiener Hoflager herrschenden Anschauung nicht eine Widerlegung, sondern — eine Sühne. Der von uns an Dr. Herzl vertrauensvoll zur Einsichtnahme übersandte Bürstenabzug wurde also zunächst lange hingehalten, offenbar um auf jeden Fall dessen Erscheinen im vorigen Heft unmöglich zu machen, dann aber nach Paris an Herrn Max Nordau gesandt, damit dieser an dem Sünder Rache nehme. Es sei hier gleich konstatiert, dass es ein allen Ger pflogenheiten anständiger Publizistik hohnsprechender Vertrauensbruch war, von einer vorläufig nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Druckschrift vor-

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