Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Jüdische Kunst und jüdisches Kult- und Hausgerät
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 201 - 202 (sequence 1)
- Language
- German
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201 202 JUEDISCHE KUNST UND JUEDISCHES KULT- UND HAUSOERAET. Von Dr. S. Weissenberg in Elisabethgrad. Die jüdische Kunst ist nicht erst von heut. Es war nur natürlich, dass es den Juden, einem so alten Kulturvolk, bei seinem reichen inneren geistigen Leben und seinem noch reicheren religiösen Sinn und seiner Verehrung für ihren einzigen Gott, nicht an dem Wunsch nach künstlerischem Ausdruck ihrer Gedankenwelt fehlen konnte. Schon die Poesie der Bibel allein und noch mehr die der Propheten musste zu einer reichen Symbolik reizen. Weiterhin gaben die praktischen Bedürfnisse der Synagoge an Thoraschränken und Thorazierrat, sowie die vielgestaltigen Anforderungen des Kultus an das private Leben Stoff genug für die Bethätigung künstlerischen Sinnes, sowie für die Verwertung der einmal aus derVolkspsyche erwachsenen oder aus der Bibel hergeleiteten Symbolik. Aber das Leben eines stets gehetzten, von Land zu Land getriebenen ewigen Juden war selbstverständlich nicht dazu geeignet, eine bestimmte Einheitlichkeit oder Eigenart im Stil auszubilden. Einerseits wurden viele Stücke bei dem ewigen Wandern vernichtet und mussten in ruhigeren Zeitläuften neu geschaffen werden; andererseits wurde bei der steten Berührung mit immer neuen Völkerschaften und Stilarten vieles entlehnt, aber nicht immer national verarbeitet. Dass es an jüdischen Künstlern, ebenso in der reinen wie in der angewandten Kunst in den verflossenen Jahrhunderten nicht gefehlt hat, beweist die gründliche Arbeit von A. Wolf: „Etwas über jüdische Kunst und ältere jüdische Künstler" in den Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg, 1902 No. 1. Vorerst besitzen wir nur die Elemente jüdischer Kunst. Aber diese sollten gerettet werden, bevor für sie die zwölfte Stunde geschlagen hat. Ich habe hier nur diejenigen Gegenstände im Sinne, welche zu Volksbrauch und Volkssitte Beziehungen haben Und sehe dabei von den mittelalterlichen oder noch älteren Bauten, Friedhöfen, Miniaturen und dgl. ganz ab. Die alles nivellierende Kultur nivelliert den im Assimiiierungswahn begriffenen Juden äusserlich am meisten, und alles alte Gerät wurde von ihm als unnütz und sogar lästig fortgeworfen. Es berührte mich seltsam und wehmütig, als ich im nordischen Museum in Stockholm ganz unerwartet eine kleine jüdische Abteilung fand. Der Gründer des Nordischen Museums, der berühmte Arthur Huzelius, konnte sich die Entwicklung des fernen Nordens Europas, wie es scheint, ohne die Juden nicht gut vorstellen, und räumte ihnen in seinem Museum einen kleinen Platz ein zu einer Zeit, als die Juden selbst alles Jüdische abstreiften. Jetzt ist ja vieles anders geworden. Die Juden fangen an, wieder Juden zu werden; man spricht von jüdischer Kunst, man gründet jüdische Museen. Wir erleben eine jüdische Renaissance. Ich meinerseits erblicke in den Museen die Hauptstütze der modernen jüdischen Bewegung, denn eine wahre Renaissance ist ohne gründliches Studium des gesamten Vorlebens nicht möglich. Diese noch übrig gebliebenen Schätze müssen eifrig gesammelt werden, und wären sie noch so unansehnlich. Auch das scheinbar Moderne darf nicht bei Seite geschoben wTerden, vorausgesetzt, dass es einen spezifisch jüdischen Stempel trägt, nach Stil oder seiner Bestimmung. Auch die Kunst ist ja traditionell, und häufig zeigt ein modernes Stück ganz unwillkürlich altertümliche Züge. Das zusammengebrachte Material muss gründlich studiert werden. Eine genaue Analyse nach Herkunft, Anfertigungszeit u. s. w. wird häufig imstande sein, die Schale von dem Kerne zu trennen. So könnten die Grundsteine für den Aufbau eines jüdischen Stils gelegt werden. Wohlbemerkt, ich spreche hier nur von angewandter Kunst, vom Kunstgewerbe. Um die jüdische Kunst in den breiteren Volksschichten heimisch zu Fig. l