Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Bibel und Babel
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 155 - 156 (sequence 2)
- Language
- German
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155 Prof. Dr. Julius Oppert: Bibel und Babel. 156 erzeugte dieser unschuldige, auf historisch irriger Voraussetzung begründete Vortrag eine Flut von Entgegnungen, die durch ihre Schwäche dem Verfasser von „Babel und Bibel" nur nützlich sein konnten. Gegen solche Gegner und gegen alle die, welche die Bibel in ihrer heutigen Form für ein Diktat des lieben Herrgotts halten, hat freilich Herr Friedrich Delitzsch leichtes Spiel. Prof. Delitzsch geht von dem irrigen Satze aus, dass alles, was wir in der Bibel lesen, alle Sagen, alle Gebräuche, alle sittlichen Vorschriften chaldäischen Ursprungs seien. Aber was wirklich aus Mesopotamien stammt, verschweigt er mit scharfsinniger Klugheit. Hierauf werden wir noch zurückkommen. Allerdings sind die Juden, wie die Griechen, ein junges Volk, „Kinder", wie die ägyptischen Priester zu Plato sagten, und die chaldäische Kultur ist um einige Jahrtausende älter als die Israels. Moses steht ja gerade in der Mitte zwischen dem Pyramidenzeitalter (5000 vor Christi Geburt) und dem unsrigen. Die chaldäische Kultur war die Schöpfung eines aus Centraiasien stammenden turanischen Volksstammes, der in grauer Vorzeit in die Ebene Mesopotamiens hinabstieg, der die Keilschrift als eine ursprüngliche Bilderschrift erfand, ein Schriftsystem, über das Herr Delitzsch selbst ein treffliches Buch geschrieben hat. Seit dem sechsten Jahrtausend kamen semitische Einwanderer in die Euphrat- und Tigrisländer und die Vereinigung dieser zuerst getrennt lebenden Stämme ergab, was Herr Delitzsch die babylonische Civilisation nennt. Gegen das Ende des dritten Jahrtausends zog nach dem Westen aus Ur in Chaldäa eine grosse Persönlichkeit, die nach dem babylonischen Geschichtsschreiber B e r o s u s auch bei den Chaldäern ein geachtetes Andenken hinterlassen hatte: Abraham, der zuerst, wie wir wissen, den Glauben an ein höchstes Wesen aussprach. Ob er diese Idee von Früheren entlehnt, wissen wir nicht. Wenn die Mohammedaner Abraham als den ersten Muslim bezeichnen, so haben sie recht; auf jeden Fall ragt er hervor durch seinen Monotheismus, während die Babylonier stets Polytheisten waren und geblieben sind. Die roheste NaturgÖtterei und Vielgötzendienst war bis auf die römische Zeit hinab die Religion der Assyro- Babylonier. Ganz absonderlich muss es jedem vorkommen, dass Delitzsch aus Yauva-El, das vielleicht garnicht so gelesen wird,1) auf Jehova und l) Es ist aber wohl gar kein Gott, sondern die dritte Person eines Zeitworts! Zwei Namen können und müssen dessen babylonischen Ursprung schliessen will. Es mag ja einen elamitischen Gott Yauva gegeben haben, aber dieser Name wäre, wieBel-El, Mardauk- El einer der vielen Namen, die wir in den babylonischen Eigennamen finden und die „Bei oder Merodach oder Jau ist Gott" zu übersetzen sind. Der schöne Name El-ittya, „Gott mit mir", findet sich vielfach auch in der polytheistischen Zeit; er beweist so wenig für den Monotheismus der Chaldäer, wie die Namen Thukydides, Timotheus für den Monotheismus der Griechen. Alle Vergleichungen, die Herr Delitzsch anstellt, -haben denselben Unwert. Von Moses und seiner Wirksamkeit ist gar nicht die Rede; an seiner Persönlichkeit kann Herr Delitzsch doch so wenig zweifeln, wie an der des Königs Hammurabbi (2394 bis 2339 v. Chr. G.). Aber Moses kam nicht aus Chaldäa, sondern aus Aegypten. Herr Delitzsch citiert den König Amenophis IV., aber ohne zu erwähnen, dass dieser König vor Moses in seinem Reiche den Glauben an einen Gott verbreiten wollte. Deshalb wurde er selbst verketzert und seine Denkmäler grossenteils zerstört. Ueberhaupt leidet „Babel und Bibel" unter dem vollständigen Mangel an historischem Sinn; es hat eine alte westorientalische Kultur gegeben, die sich während langer Jahrtausende über Asien verbreitete und sich in verschiedenen, doch stets stammverwandten Formen über Kleinasien, Westasien, Persien, Arabien bis nach Indien ausbreitete. Gleichwohl sind sie untereinander ganz verschieden. Nach Herrn Delitzsch soll die mosaische Schöpfungslegende aus Babylonien entlehnt sein. Aber in ersterer besteht Gott vor der Erschaffung der Welt, in Chaldäa ist es der leere Raum, der Abgrund, das Chaos, aus dem die Götter nacheinander geschaffen werden; und so geht es mit allen anderen sogenannten chaldäischen Ursprüngen. Dass es ein Land gegeben, welches Aegypten hiess und übrigens noch so heisst, scheint Herrn Delitzsch nicht zu beunruhigen. So soll auch der Sabbat aus Babylonien stammen. Dass die Aegypter und Chaldäer eine Woche von sieben Tagen gehabt, habe ich selbst nachgewiesen. Die sieben Namen der Wochentage wohl Japi-el und Ja-uppi-el gelesen werden: der dritte, wie die andern, nicht assyrisch, sondern Elamitisch, ist Ja-u-unn-el oder Ja-u-uv-el. Aber vor allen dreien fehlt das nötige Gotteszeichen, es ist der Schreiber eines Briefes, der so beginnt: „An Ibi-Ningirsu schreibt folgendes Iaüum-el: Die Götter Samas (Sonne) und Merodach (Jupiter) mögen dir langes Leben schenken!" Das ist denn doch ein ganz wunderlicher Jehovahanbeter, der seinem Correspondenten von heidnischen Gottheiten Grüsse bestellt.