Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Revue der Presse
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 143 - 144 (sequence 2)
- Language
- German
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143 Revue der Presse. 144 marokkanischen Juden eine Erleichterung und Hebung ihrer Lage gebracht. Fortwährend vernehmen wir aus Marokko Klagen der misshandelten und gemarterten Juden. Die ökonomische Lage ist schauerlich, wie zuvor. Und unterdessen wogt es und stürmt es in Marokko. Rebellion folgt auf Rebellion, die arabischen Stämme erheben sich, und Marokko wird Europa wieder Anlass geben, sich in seine Angelegenheiten hineinzumischen. Und merkwürdigerweise schiebt man die Schuld der Revolte in Marokko diesen armen Parias, den Juden, in die Schuhe, man betrachtet sie als die Urheber der Unruhen, und dies ist neuer Zunder für die Flamme des Jadenhasses. Die Massnahmen, welche die jüdischen Philanthropen ergreifen wollen, werden schwerlich zu einem Resultate führen. Die Zeitung „Archives Israelites" macht sich viel Hoffnung auf die Intervention der Alliance; aber hat deren Intervention im Jahre 1880 viel gefruchtet? Man ist dieser ewigen fruchtlosen Proteste schon müde, man will, dass man einmal etwas für die Unglücklichen thue; und was kann die Alliance mit ihrem gegenwärtigen Programme leisten? Almogy. ♦ * Wie jede grössere marokkanische Stadt, hat auch Fez sein eigenes Juden-Quartier, „Mella" genannt. In der Mella von Fez sollen dreitausend Juden hausen, ein geschäftiges, fleissiges, armes Völkchen, aber gründlich verachtet von seinen moslemitischen Mitbewohnern. Wenn schon die Sultansresidenz ein abschreckender, verwahrloster, ruinenhafter Kehrichthaufen ist, so gilt dies für die Mella im Superlativen Sinne. Es sind enge, mit tiefen Löchern versehene Gassen, mit Bergen von Unrat, die selbst vor den Hausthüren die Passage stören. Ein unbeschreiblicher Gestank brütet in dieser Riesenkloake. Aber die Leute selbst sehen gut und freundlich aus, die Frauen und Mädchen sind von der Natur aus mit körperlichen Reizen überreichlich bedacht, ihre Tracht ist reich, Schmuck besitzen sie#im Ueberflusse. Während unseres Besuches in der Mella drängen deren Insassen von allen Seiten auf uns ein, und wir haben Not, uns der Kinder zu erwehren, welche unsere Hände küssen wollen. Die grossen, klugen und schönen Augen der Frauen funkeln in faszinierender Glut, und ihr Lächeln, wenn sie uns ein freundliches „Buenos dias!" zurufen, ist geradezu bezaubernd. Das ganze Viertel ist in Aufregung, und als wären wir ihre langersehnten Erlöser, überschütten sie uns mit Glück- und Segenswünschen. Gelegentlich eines Empfanges einer Judendeputation im Palaste der Gesandtschaft erfahren wir mancherlei Details über die Stellung dieser Parias von Marokko über die harte Existenz und die Demütigungen, die sie ununterbrochen erdulden müssen Ausserhalb der Mella darf kein Jude und keine Jüdin mit irgendwelchem Schuhwerk an den Füssen sich blicken lasseh. Wie sie die erste -Gasse der mohammedanischen Stadt betreten, müssen sie die Pantoffel abstreifen und blossen Fusses umhergehen. Es ist aber kein stolzes, kein selbstbewusstes Einhergehen. Scheu schleichen sie durch die engen Gassen, zwischen den dichten Gruppen ihrer feindlichen Mitbewohner hindurch, jeden Anlass zu unliebsamen Zwischenfällen vermeidend. Alle Verachtung, die man ihnen seit undenklichen Zeiten angedeihen Hess, hat indess nicht vermocht, das zähe Völkchen niederzudrücken. Sie sind, wie anderwärts in der Welt, die Seele aller einträglichen Handelsgeschäfte und in mancher Hinsicht sowohl dem Lande, wie der übrigen Bevölkerung unentbehrlich. Aus diesem Grunde existiert für sie eine gesetzliche Bestimmung, nach der ihnen die Auswanderung versagt, den Mädchen die Schliessung von Ehen ausser Landes verboten ist. Von den Sultanen hatten sie jederzeit weniger zu leiden, und wenn sie ihre Geldgeschenke, zu deren Leistungen sie an gewissen hohen Festtagen verpflichtet waren und noch immer sind, bewirkten, Hess man sie von allerhöchster Seite meist ungeschoren. Ja, hin und wieder traf es sich, dass ein liberaler Sultan, wie beispielsweise Suleiman, ihnen aufhelfen wollte und die Erlaubnis erteilte, dass sie Schuhe auch ausserhalb ihres Quartiers tragen dürften. Die Ausführung dieser Erlaubnis scheiterte aber an dem Fanatismus der Mauren, welche über die Juden herfielen und sie durchprügelten oder massakrierten. SchHesslich mussten sie selber den Kaiser bitten, die Erlaubnis zu annullieren. („Wr. Allg. Ztg.") * * * Derselben Zeitung wird gemeldet, dass in Fez ein Judenmassacre stattgefunden hat, bei welchem 20 Juden getötet wurden. Abonnementspreis für das Halbjahr in Deutschland und Oesterreich Mark 3»5<>» für das Ausland Mark 4,— für Russland ganzjährig: 4 Rubel, halbjährlich 2 Rubel. Einzelhefte ä 35 Kop. .____«____ Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, durch alle Postämter des Deutschen_________ -—■---■---■---- Reiches unter No. 5785 a der Postzeitungsliste und durch die Expedition dieser Zeitschrift.-------— Anzeigen. 50 Pfennig die viergespaltene Petitzeile, grössere Anzeigen nach. Tarif, bei Wiederholungen Rabatt. Stellen-Gesuche und 'Angebote zum halben Preise* Adresse für die gesamte Korrespondenz: S. CALVARY & Co. (Inn. HUGO BLOCH & Dr. P. GOTTHELF), Verlagsbuchhandlung und Antiquariat, Berlin NW., Neue Wilhelmstrasse 1. Verantwortlicher Redakteur: Leo Winz, Berlin, Altonaerstr. 36. — Verlag von S. Calvary & Co., Berlin NW. 7. Druck von J. S. Preuss, Berlin SW. 19.