Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Revue der Presse
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 141 - 142 (sequence 1)
- Language
- German
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141 142 REVUE DER PRESSE. In der Bibel-Babel-Angelegenheit schreibt die „Israelitische Wochenschrift"" (No. 5): Herr Professsor Delitzsch ist dicht daran, von den Antisemiten der extremsten Observanz zum Ehrenmitglied ernannt zu werden, und er ist nicht ohne eigenes Verschulden in diese Gefahr geraten. Nicht wegen seiner „freigeistigen" Auffassungen, die sich nicht um Haaresbreite über die jedes flachsten frei gemeindlichen Sprechers erheben, nicht wegen seiner Angriffe auf die Bibel, die von erstaunlichem Mangel an Wucht und Geschick sind, sondern wegen seines Mangels an Offenheit. Herr Professor Delitzsch hat seinen Vortrag vor dem Kaiser und preussischen Summepiskopus gehalten und dabei nicht bloss nicht den Mut gehabt, sich widerchristlich zu bekennen, sondern den Mangel an Mut so weit getrieben, dass er seine widerchristliche Gesinnung hinter widerjüdischen Redewendungen versteckte. Mut bewies er nur insofern, als er dies im Angesicht der jüdischen Männer that, die ihn materiell zu seinen Ausgrabungen ausgerüstet haben. Dieser Mut freilich braucht nicht sehr gross zu sein, denn die Mäzene, die sich solcher Schützlinge erfreuen, reden sich am Ende noch ein, geben wenigstens vor, sich einreden zu lassen, dass sie im Dienst der Wissenschaft, der „voraussetzungslosen Forschung" vor keinem Ergebnis zurückschrecken dürften. Das ist eitel Flunkerei. Denn die Wissenschaft und ihre Ergebnisse, die Forschung und selbst ihre Irrungen kommen hier gar nicht in Frage. Die mögen sein, welche sie wollen. Die Religion — wir sprechen allein von der jüdischen — und ihre Heils Wahrheiten können durch die Entdeckung anderer Wahrheiten nur gewinnen. Was die Wissenschaft als gesichertes Gut erringt, das ist auch für die Religion ein Gewinn, weil jede wissenschaftliche Errungenschaft die religiöse Erkenntnis und Anschauung klären und reinigen hilft. Die Delitzsch'sche Methode aber — nicht die wissenschaftliche, sondern die gegenteilige — die ist es, die ihm die Anerkennung der Antisemiten eingetragen hat; mit dieser Anerkennung belastet, mag er vor seine jüdischen Mäzene treten, die es nicht besser verdient haben. * * * Die „Oesterreichische Wochenschrift" (No. 5) veröffentlicht das interessante Schreiben, mit welchem derLord- Mayor seinerzeit die Kundgebung des „Allg. Oesterr.- Israelitischen Bundes" beantwortete. Das an den Präsidenten des „Allgem. Oesterr -Israelitischen Bundes", Herrn Dr. Alfred Stern, gerichtete Schreiben lautet: The Mansion House London E. C. 16. Dezember 1902. Geehrte Herren! Ich habe Ihre Zuschrift (Adresse) am 15. d. M. erhalten und aus derselben mit grösster Freude und aufrichtiger Genugthuung entnommen, dass mein Eintreten für unsere Glaubensgenossen in Rumänien die Zustimmung und Anerkennung der österreichischen Juden gefunden hat, welche so viel besser als ich in der Lage sind, das System der Verfolgungen, unter welchem dieses unglückliche Volk dermal zu leiden hat, zu erkennen. Ich werde dafür Sorge tragen, dass Ihre bedeutsame und wohlwollende Kundgebung unter den Juden dieses Landes Verbreitung finde. Dieselben mögen daraus ersehen, mit welchen Gefühlen der Sympathie und des Mitleides Sie die traurige Lage Jener verfolgen, in deren Interesse ich aufgetreten bin, Gefühle, die wir ganz und voll mit Ihnen teilen. Ihr freundlichst ergebener MarcusSamuel, Lord-Mayor. An den Präsid? -aten des „Allgemeinen Oesterreichisch-Israelitischen Bundes" in Wien. * « * Marokko und die Juden. Es giebt ein Land auf der Erde, wo die Juden unter so unerträglichen Bedingungen leben, dass dagegen sogar Rumänien beinahe als Paradies erscheint. Dieses Land heisst Marokko. Die 1500000 Juden, die daselbst (nach Angaben der Wochenschrift „DieWelt«")wohnen, sind aller politischen Rechte, wenn man in diesem despotischen Staate von Rechten sprechen kann, beraubt, leben unter schrecklichen materiellen Bedingungen, werden misshandelt, ohne Grund und ohne dass sich jemand ihrer annimmt, gemordet. Die Aussage eines Arabers, dass ein Jude den Propheten des Islams beschimpft habe, genügt, um den Unglücklichen gerichtlich zu morden. Schon zu wiederholten Malen haben es jüdische Philanthropen versucht, sich ins Mittel zu legen und die Lage der marokkanischen Juden zu erleichtern; aber weder das Auftreten Sir Moses Montefiores, noch der Protest, welchen im Jahre 1880 die „Alliance Israeliten an die Konferenz der Mächterichtete, welche in der marokkanischen Angelegenheit in Madrid tagte, hat den