Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Der Lebensquell
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 137 - 138 (sequence 2)
- Language
- German
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137 Dr. Emil Simonson: Der Lebensquell. 138 Jugend sehen, wie ihr aus der Mitte Ihres eigenen Volkes Gegner erstanden, welche voll Hass und Leidenschaft das edle und erhabene Werk bekämpften. Da waren die Alten, welche ihr ganzes Leben dem Schutz der Dornhecke gewidmet und darüber fast die Quelle selbst vergessen hatten. Die sprachen voll Zorn zur Jugend: „Die Hecke und die Quelle, beide sind einst von unserem Urahn geschaffen, beide sind ewig und unveränderlich, und ehe wir dulden, dass auch nur die Spitze eines Domes an der Hecke verletzt werde, soll der Boden unseres Gartens brach und wüst liegen. Denn so euch die Hecke nicht heilig ist, werdet ihr auch die Quelle nicht achten." Voll Ernst und Eifer antwortete auf solche Reden die Jugend: „Wie sollten wir unseren Lebensquell gering achten, da uns doch beide, der Garten und die Quelle, von unserem Urvater als Erbe gegeben sind. Denn diese drei: unser Volk und der Garten und der Lebensquell, gehören zu einander, untrennbar, und keines kann ohne die anderen sein. Und unsere Rechte mag uns verdorren, so wir unseres Gartens und der Quelle vergässen. — Aber fürwahr! Wenn wir den Garten wieder erbauen, und es geschähe, dass die Dornhecke gelichtet werde, so wird Solches nur die Macht des Lebens, die in der Quelle wohnt, vollbringen. Wir aber vermögen es ebenso wenig, wie es die Schwerter und das Feuer Kittims vermocht haben." — Doch vergeblich war ihre Rede, und der Sinn der Greise blieb voll Feindschaft und Argwohn. Und es waren Andere unter ihnen, die achteten die Kraft der Quelle gering. Und redeten also zur Jugend: „Was vermag doch der kleine, unscheinbare Quell wider die grossen Ströme und Seen der Edomiterländer? Denn aus ihnen haben wir getrunken seit den Tagen unserer Kindheit, so usn dürstete, und aus ihrer Kraft ist unsere Kraft und Stärke gewachsen. Fürwahr! die Macht ihrer Gewässer ist gross, denn sie hat uns gebildet, dass wir gleichen den Edomitern ringsum. Und wenige Tropfen auf die Häupter unserer Kinder geträufelt, vermögen, sie in Kinder Edoms zu verwandeln." Also sprachen sie. Und ihre Augen warenmit Blindheit geschlagen und ihre Ohren mit Taubheit, dass sie nicht hörten das laute Hohnlachen ihrer Feinde in Edom, noch sahen das heimliche Spottlächeln ihrer lauen Freunde. So wogte der Kampf hin und her und drohte das edle Werk der Jugend zu vereiteln. Welchen Ausgang der Streit schliesslich genommen? Ob denn die Lauen und die Zagen und die, so da feindlichen Herzens waren, nicht doch noch den Heimweg fanden zu ihrem Volke und seinem Sehnen und Sinnen? — — — Ich weiss es nicht. — — — MISCELLEN UND APHORISMEN. JXBpi» <4>paflH.P.T», u*iy.x> „Der Freund". Ein neuer, lieber Gast besucht uns täglich seit dem neuen Jahr Es ist dies „Der Freund", dessen Konterfei wir dem Leser hier vorführen. „Der Freund" erscheint in Petersburg und ist das erste für die breiten Massen des jüdischenVolkes bestimmte Tageblatt in jüdischdeutscher Mundart. Das Bedürfnis nach einer Tagespresse in hebräischer Sprache machte sich bekanntlich noch vor etwa 15 Jahren geltend. Unter den mindergebildeten Schichten trat dasselbe Bedürfnis langsamer und später an den Tag. Zuerst entsprach ihm der vor 6 Jahren gegründete „Jud", der zuerst als zweiwöchentliches, dann als wöchentliches Organ erschien und nun vom „Freund" abgelöst worden ist. „Der Jud" war unstreitig eines der bestredigierten Volksblätter Aß 3, überhaupt. Er erfüllte die hohe Aufgabe, die Schundliteratur aus den Reihen des Volkes zu verdrängen, es an edlere und nahrhaftere geistige Kost zu gewöhnen, eine Der Fraind. >T»TWW . ätp rua na? -23. >7a"e „Der Freund". Erstes politisches Tageblatt in jüdisch-deutscher Mundart in Russland. Menge ausgezeichneter und hoffnungsvoller Talente zu wecken und, was vielleicht das wichtigste war, ein inniges geistiges Band zwischen der Intelligenz und den breiten Massen zu knüpfen. Doch hatte „Der Jud" mit der grossen Schwierigkeit zu kämpfen, dass er im Ausland erscheinen musste, da die russische Regierung sich beharrlich weigerte, die Konzession auf eine neue jüdische Zeitschrift zu erteilen. Nun ist diese Schwierigkeit überwunden. Es ist erfreulich, dass die Leitung des neuen Tageblattes in bewährten Händen ruht. Der Redakteur, Herr S. Günzburg, ein hochangesehener, vielseitig gebildeter Schriftsteller und Jurist