Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Der Lebensquell
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 135 - 136 (sequence 1)
- Language
- German
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135 Dr. Emil Simonson: Der Lebensquell. 136 DER LEBENSQUELL Ein Märchen für Grosse. Von Dr. Emil Simonson. Es war einmal eine grosse, grosse Familie, schier so gross wie ein Volk. Die wohnte vor vielen tausend Jahren gemeinsam in ihrem gar lieblichen Familiengarten und lebte dort in Eintracht und Zufriedenheit. Denn der Garten war voll süsser Früchte und spendete seinen fleissigen Bewohnern im Ueberfluss Milch und Honig. Aber das Beste, was der Garten bot, war doch der Lebensquell, dessen köstliches Wasser aus der Heimaterde hervorsprudelte. Und wer von dem Lebenswasser trank, dem wurde die Seele weit, und seinem Auge erschloss sich der Sinn des Lebens, und in sein Herz zogen ein das Glück und der Friede, die Gerechtigkeit und die Liebe. Denn alle diese Gaben hatte der Urahn der grossen Familie, der den Garten gepflanzt, einst in das Wasser der Quelle hineingethan. So lebte die Familie viele Jahre in Ruhe und Frieden und hütete den Lebensquell als ihr kostbarstes Kleinod. Und es war ein Volk, das hiess Edom. Und die Männer von Edom waren alle Sklaven des Riesen Kittim. Der aber wohnte in weiter Ferne, weit, weit hinter jener Meeresstelle, in welche der Sonnenball des Abends hinabtauchte, und war so gross, dass seine Füsse auf dem Boden des Weltmeeres ruhten; sein Scheitel aber ragte über die Wolken hinaus und berührte das obere Himmelsgewölbe. Dort hauste er und verschlang ganze Städte und Länder und Völker. Und immer mussten seine Sklavenheere neue Völker und Länder suchen, dass er sie verschlinge. So zogen denn auch die Männer von Edom, zahlreicher als die dunkelen Wolken der Heuschrecken, heran, den Garten zu zerstören. Da erbebten die Herzen des Volkes gar sehr. Doch die jungen und kräftigen Männer sprachen einer zum andern: „Lasset uns rüsten zum Kampfe wider die Sklaven des Riesen, dass wir den Garten der Väter und unseren Quell des Lebens verteidigen." Aber die Alten und Weisen der Familie schüttelten traurig ihre Häupter; denn sie kannten die gewaltige und unwiderstehliche Macht des Riesen Kittim. Und so sprachen sie zum Volke: „Die Männer von Edom werden unseren Garten zerstören und uns in ihre Länder himvegführen und zerstreuen; denn was vermögen wir wider die Macht des Riesen? Aber die Kraft unseres Lebens liegt in der Quelle. Wohlan denn, ihr Brüder, lasset uns einen Zaun um die Quelle machen, dass der Feind sie nicht verschütte. Und wenn er dann auch unseren schönen Garten verwüstet und vernichtet, so werden wir doch leben und stark sein und hoffen. Denn dereinst wird auch dem Riesen der Tag kommen, da seine Mächt gebrochen wird, und wieder wird uns Heimatklänge die alte Quelle rauschen. Und wie die Alten und Weisen gesprochen, so thaten sie. Rings um die Quelle pflanzten sie eine Dornhecke, die war so dicht und so spitz, dass niemand hindurchdringen konnte. Und sie war härter als die Schwerter und Beile der Feinde; und kein Feuer konnte sie verbrennen, denn die Wasser der Quelle waren mächtiger als das Feuer. Und als der Zaun um die Quelle vollendet war, da strömten auch schon die Edomiterheere heran, gleichend den Wogen des reissenden Bergstromes im Frühling. Wohl zogen die junge Mannschaft unter dem Volke des Gartens und alle Männer, die noch stark waren, ein Schwert zu führen, den Feinden kühn entgegen und kämpften lange mit Heldenmut für ihren Garten und ihre Quelle. Aber nachdem ihrer viele Tausende getötet waren, siegte zuletzt doch der Feinde Uebermacht; der Garten aber wurde verwüstet und zerstört, und der Riese Kittim verschlang das arme, seiner Bewohner beraubte Land des Gartens. Die Familie des Gartens aber wohnte nun zerstreut in allen Ländern des Riesen, und weil ihre Lebensquelle erhalten war, konnte er sie nicht verschlingen und vom Erdboden vertilgen. Aber ein Leben der Qual führten sie und ihr Geschlecht viele hundert Jahre unter den Völkern Kittims. Leid und Schmach mussten sie tragen, Gewalt und Unterdrückung war ihr Los, und oft färbte sich der Boden von ihrem Blute rot. Aber sie lebten und hofften! Und all' ihr Sinnen und Fühlen ging dahin, dass die Hecke, welche ihre Lebensquelle umschloss, erhalten und unversehrt bliebe. So verflossen ihnen viele hundert Jahre, und die Dornen der Hecke wurden das Sinnbild ihres Lebens. Und der Tag der Vergeltung kam. Und alle die Völker, die der Riese einst verschlungen, erhoben sich wider ihren Bedränger; denn er war alt und schwach geworden. Und ein Volk nach dem anderen wurde frei und lebte wieder sein eigenes Leben, bis dass der Riese in sich zusammensank und zu Staub und Asche wurde. Da erwachte auch im Volke der Quelle in den Herzen der Jugend wieder die Liebe zu dem Garten, in dem ihre Väter einst glücklich gewesen, und in bebender Heimatsehnsucht thaten sie sich zusammen, um den Garten wieder neu aufzubauen und darin wieder ihr eigenes Leben zu leben. Und all' die Völker ringsum horchten auf und staunten, als sie solches sahen. Und freuten sich der jungen Schar und ihres stolzen Zieles. Denn auch sie hatten von dem Wasser der Quelle getrunken, welches durch die Dornhecke hindurchsickerte, und in ihre ehedem barbarischen Herzen war die Gerechtigkeit eingezogen. Aber verwundert und unwillig musste die