Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Der Jude und seine Umwelt im jüdischen Sprichwort
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 99 - 100 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583907-2586711--02547-2586779- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
99 Binjamin Segel: Der Jude und seine Umwelt im jüdischen Sprichwort. 100 DER JUDE UND SEINE UMWELT IM JUDISCHEN SPRICHWORT. Von Binjamin Segel. Die nachstehende Skizze bildet einen Abschnitt aus einer grösseren Abhandlung unter dem Titel „Die Weltanschauung des jüdischen Volkes in seinen Sprichwörtern", welcher die von mir angelegte handschriftliche Sammlung von ca. 7000 jüdischen Sprichwörtern zu Grunde liegt, die ich zum grössten Teil aus dem Volksmunde, vorwiegend in Galizien und der Bukowina, zum Teil auch aus der älteren und neueren Jargonlitteratur geschöpft habe. Unter den vorhandenen Sammlungen jüdischer Sprichwörter, die sämtlich in dem von mir seinerzeit in diesen Blättern ausführlich beschriebenen Katalog der J. Bernsteinschen Sprichwörterbibliothek zu Warschau verzeichnet sind, finden sich nur einige von Bedeutung. Die beste aller bisher vorhandenen Sammlungen, eigentlich die einzige bisher erschienene, systematisch angelegte und wahrhaft inhaltsreiche, mit wertvollen Erklärungen versehene Sammlung jüdischer Sprichwörter ist die von Ignatz Bernstein selber in Spektors „Hausfreund" (Warschau, 1898 u. 1889) herausgegebene, die insgesamt 2056 Sprichwörter fasst. Herr Ignatz Bernstein besitzt noch eine fernere umfangreiche handschriftliche Sammlung, auf deren Erscheinen alle Freunde jüdischer Volkskunde leider noch immer warten. Ich hatte im Jahre 1897 Gelegenheit, Einsicht in dieselbe zu nehmen. Doch dürfte meines Erachtens durch alle diese Sammlungen der ganze Sprichwörterschatz des jüdischen Volkes, wie er in Polen, Russland und Rumänien lebt, so weit die jüdische Sprache klingt, noch lange nicht erschöpft sein. Eine ausgedehnte sammlerische Arbeit müsste noch betrieben werden, um das Material zu einem jüdischen Sprichwörterbuch herbeizuschaffen. Ein solches würde aber nicht nur ein merkwürdiges Denkmal jüdischen Geistes und jüdischer Lebensanschauung bilden, sondern auch ein ungemein reiches und wichtiges Material zur Kulturgeschichte der Juden bieten. In der nachfolgenden Skizze habe ich mich bemüht, durch Zusammenfassung aller in meiner Sammlung befindlichen Sprichwörter über Juden und Nichtjuden ein Bild davon zu entwerfen, wie der Jude über sich und sein Verhältnis zur nichtjüdischen Welt denkt. Ich habe an die Spitze das bekannte Wort von Moses Lazarus gesetzt: „Die Juden sind das klassische Volk der Selbstkritik". Man schilt es als Ueberhebung, dass wir Juden uns als das „auserwählte Volk" betrachteten, aber man vergisst dabei, die Kehrseite der Medaille zu beachten, dass kein anderes Volk der Welt für die Männer, die es mit Worten am härtesten gezüchtigt, eine solche unbegrenzte Verehrung hegt, wie wir für unsere Arnos, Hosea, Jesajah und Jeremiah, dass kein anderes Volk der Welt die Bücher, die die unerbittlichsten an es gerichteten Strafreden enthalten, zu seinen „heiligen Schriften" erhoben hat. Dieser Zug der Selbstkasteiung findet sich auch noch in den jüdischen Sprichwörtern, diesen bescheidenen Erzeugnissen des Volksgeistes wieder, manchmal bis zur Ungerechtigkeit gesteigert, namentlich dadurch, dass allgemein menschliche Züge als spezifisch jüdisch hingestellt werden. So ist der durch ein grimmiges Wort getadelte Neid sicherlich unter Juden nicht grösser als anderwärts. Ein weiterer charakteristischer Zug dieser Sprichwörter ist die launige Verspottung der eigenen Leiden, ein Ausfluss der köstlichsten Gabe unseres Stammes, — des guten, gesunden Humors. Aufmerksam möchte ich noch machen auf die ruhige und gerechte Beurtheilung der ausserjüdischen Welt an sich; man vergleiche das. doch mit den nichtjüdischen, z. B. deutschen Sprichwörtern, die ein gehäuftes Mass von Unflat und Schmutz über unsere Köpfe ausschütten. Im Grunde ist es immer ein Missbrauch, Sprichwörter aus der lebendigen Rede herauszureissen und nebeneinander zu ordnen. Sie gleichen dann den welken, vertrockneten Pflänzchen in einem Herbarium, während sie, gleich lebenden Blumen auf einer frischen Wiese, die Rede des schlichten Mannes aus dem VoLke schmücken, der in feststehenden Bildern zu sprechen und in überlieferten Formeln zu denken liebt. Die Juden sind das klassische Volk der Selbstkritik. Lazarus. -x- « -X- Der Jude ist das winzigste Geschöpf und ist doch in den Augen aller zu gross. * * * Was aus Kol Israel wird — wird auch aus Reb Israel. „Kol Israel" — ganz Israel; Sinn: der Einzelne muss das Schicksal der Gesamtheit unverdrossen tragen. * *. -*- Besser Jude ohne Bart, als Bart ohne Juden. Daz Rasieren des Bartes ist bekanntlich sündhaft; Sinn: lieber ein Jude, der das Ritualgesetz