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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 2 (Januar 1903) · p. Seite 83 - 84

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 2 (Januar 1903)
Article
Noch einmal Chamberlain
Date
1903-01-01
Page
Seite 83 - 84 (sequence 3)
Language
German
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83 S. Lublinski: Noch einmal Chamberlain. 84 Hindernisse, die sich vor mir auftürmen, durch die verständige That zu überwinden, anstatt märchenhafte Wunder zu erwarten. Die erotische Glut mag meiner That und Ueberlegung einen Zug ins Grosse verleihen, einen heroischen Schwung oder auch zähe Ausdauer, wenn es sein muss: aber es wäre ein Irrtum, wenn sich etwa ein Bankier, der verliebt ist, um das Wechselrecht nicht mehr bekümmern wollte. Chamberlain freilich handelt ganz nach einem solchen Rezept, und so hat er die werdende moderne Religiosität zu einem reaktionären und widerlichen Gaukelwerk herabgedrückt. Man ist nämlich in unseren Tagen ernstlich bemüht, jene Grundlebenskraft, das „Gefühl" der Psychologen, in das allgemeine Bewusstsein überzuführen. Der moderne Mensch in seiner millionenfach zersplitterten und mechanisierten Thätigkeit wird oft genug von dem unwiderstehlichen Bedürfnis überfallen, sich zu erholen, zu sammeln, sich zu erneuern. Dann mag er allen seinen seelischen Einzelthätigkeiten ein vorläufiges Schweigen gebieten und tief in seine biologische Grundkraft hinabtauchen — auf die „Stimmen seines Innern" hören, wie man es früher nannte. Es überkommt ihn alsdann ein wohlthätiger Rausch, ein stolzes Lebensgefühl, und er ahnt, was die Worte des Wurzelsepp bei Anzengruber zu bedeuten haben: „es kann mir nix g'schehn". Wer diese Bestrebungen, die ich hier nur andeuten kann, tiefer begreifen und verfolgen will, dem möchte ich die Lektüre von zwei ausgezeichneten Büchern an das Herz legen, die kürzlich im Verlag von Eugen Diederichs in Leipzig erschienen sind: Arthur Bonus, Religion als Schöpfung und Heinrich Meyer-Benfey, Moderne Religion. Kein Unbefangener wird vor diesen Büchern zweifeln, dass die wirklich moderne Religiosität mit dem groben Unfug Chambeiiains nichts zu schaffen hat. Die Religion ist die Stätte, wo man sich aus der Tiefe heraus sammelt und seine Lebenskräfte wieder herstellt. Aber damit ist ihre Mission, ihre grosse Mission, auch vollendet, und es fällt ihr nicht ein, sich anders denn als begleitende Melodie in Gebiete und Thätigkeiten einmischen zu wollen, die nicht ihr gehören, sondern dem Verstand, dem Willen und der Wissenschaft. Es handelt sich um eine tiefe und befruchtende Wechselwirkung, zugleich aber um eine reinliche Scheidung. Houston Stewart Chamberlain möchte für sein Leben gern eine modern-religiöse Natur sein. Er möchte es, aber er ist es nicht. Wer sich etwas auf Psychologie versteht, der fühlt fast bei jeder Zeile seines Buches, wie schwach und ausgepumpt seine biologische Grundkraft ist. Wo ihm ein unzerbrechlicher eiserner Wille, ein alles durchdringender Verstand und harte Gefühlszucht entgegentreten, da friert seine arme Seele und klappert mit den Zähnen. Er kann seine Lebenswärme nicht bis zu jenen Höhen emportreiben und will dieses persönliche Manko durchaus nicht eingestehen. Andererseits hat er etwas läuten hören und weiss, dass die tiefste Tendenz des Zeitalters darauf aus ist, uns Menschen von heute' jene Ur-Empfindung und Grundkraft voll in das Bewusstsein zu heben. Er ist leichtherzig und ehrgeizig zugleich, wie Dilettanten immer, und so möchte er sich an diesem seelischen Kulturwerk beteiligen. Selbstverständlich schliesst er dabei von sich auch auf andere und bildet sich ein, dass rücksichtsloser Wille und rück- ' sichtsloser Verstand unterdrückt werden müssen, wenn nicht die Seele, die „Frömmigkeit", verloren gehen soll. Die letzte Konsequenz dieser Anschauung wäre die Hierarchie und katholische Kirche des Mittelalters. Das aber will Chamberlain nun nicht, weil seine halbwegs wissenschaftliche Schulung und protestantische Erziehung ein paar Spuren in seinem Instinkt zurückliessen. Ja, Chamberlain bildet sich sogar ein — risum teneatis amici —, Rom und die katholische Kirche zu hassen. Kurz, er ist in einem entsetzlichen Dilemma, dieser arme Mann. Aber er weiss sich zu helfen. Wohl bekämpfen sich seine desorganisierten Instinkte, seine hierarchischen und antihierarchischen Neigungen, und seine schwächliche und frierende Seele weiss nicht, was sie will. Offen und ehrlich einzugestehen, dass hier ein organischer Mangel seiner Natur vorliegt, vermag er nicht; dazu ist er zu ehrgeizig. Also muss irgend ein Anderer daran Schuld haben. Ein Sündenbock muss aufgetrieben werden — ein Königreich für einen Sündenbock! Und Houston Stewart Chamberlain ging hin und schimpfte auf die Juden und schimpft noch immer. Ich bin ihm deshalb nicht böse, weil ich von Ibsen gelernt habe, dass es bei gewissen armen Teufeln darauf ankommt, die Lebenslüge aufrecht zu erhalten. Möge Houston Stewart Chamberlain niemals erwachen!

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