Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Noch einmal Chamberlain
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 81 - 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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81 S. Lublinski: Noch einmal Chamberlain. 82 WILHELM GENTZ. OEL-STUDIE. JUDE AUS TRIPOLIS. angetrunken haben. Man lese im „Fall Wagner", was Nietzsche über diese Herrschaften zu sagen wusste. Aber Chamberlain kann Nietzsche nicht leiden. Ein Dilettant ist Chamberlain übrigens auch als religiöse Natur, für die er sich gern ausgeben möchte. Die moderne Religiosität, die sich vorzubereiten beginnt, hat er allseitig verflacht und verwässert — und dieser Verwässerung verdankt er seinen Erfolg. Wenn man ein Gleichnis haben will, so erinnere ich an Hermann Sudermann und seinen ersten Bühnenerfolg am Ausgang der achtziger Jahre. Damals hatten seit einem Jahrzehnt starke und revolutionäre Geister nach einer Erneuerung der deutschen Litteratur gerungen. Arno Holz und Johannes Schlaf gaben den Novellenband „Papa Hamlet" und das Drama „Familie Selicke" heraus, und Gerhart Hauptmann erschien mit „Vor Sonnenaufgang" zum ersten Male auf der Bühne. Aber diese bedeutenderen Werke waren eine zu herbe Kost für das liebe Publikum, und es hielt sich an seinen Sudermann, der für verdünnte Brühen zu sorgen wusste. Was Sudermann mit dem Naturalismus machte, das hat Houston Stewart Chamberlain mit der modernen Religion gemacht, und es ist in der Ordnung, dass seine angeblichen „Grundlagen" einen ähnlichen Bombenerfolg davon trugen. Mathias Acher streift in seiner Polemik auch das Problem der modernen Religiosität und erinnert an den Geisteshauch, der um die Flamme des Eros weht, oder an die schöpferische Kraft des Dichters und des Genies. Es handelt sich hier um unser tiefstes Lebens- und Grundgefühl, das durch den Werkelstag so leicht verkrüppelt wird. Wenn wir denken, wenn wir handeln, wenn wir rechnen, wenn wir instinktiv fühlen oder logisch schliessen, so haben wir unbedingt den Eindruck, als ob wir ganz entgegengesetzte Thätigkeiten betreiben. Der Instinkt ist etwas anderes als die Logik, der abstrakte Gedanke etwas anderes als die praktische That, und wer das eine mit Hingabe betreibt, wird auf das andere verzichten müssen. Und dennoch liegt dieser allseitig zersplitterten Thätigkeit eine lebendige Einheit zu Grunde. Etwa ein grosser Logiker und Mathematiker, der unendliche Zahlenreihen kombiniert, mag dabei nicht geringere Freudenschauer empfinden, als ein Dichter, dem die Fülle der Gestalten vor den Blick und ein wohllautender, noch nie gehörter Vers auf die Lippe tritt. Nicht minder mag im Gehirn Napoleons oder Macchiavellis jeder Nerv vor Wonne gebebt haben, wenn der Koloss einer politischen That emporgetürmt wurde. Diese Wonne war nicht etwa einfache Zufriedenheit über das Gelingen, sondern ein Aufjauchzen und Entzücken über die eigene Lebenskraft, die in diesen Naturen aufquoll und alles überspielte, während scheinbar nur eine einzelne Seite dieser Grundkraft in Aktion trat: scheinbar nur die Phantasie, nur die Vernunft, nur der Wille. Aber gerade die moderne Psychologie hat nachgewiesen, dass alle diese einzelnen seelischen Qualitäten aus einem gemeinsamen Mutterboden gewachsen sind, aus einem Grundkeim, den man, in Ermangelung besserer Ausdrücke, als „Empfindung" oder „Gefühl" bezeichnet, wobei freilich der populäre Wortsinn beträchtlich erweitert und vertieft erscheint. Am deutlichsten auch für den einfachen Mann tritt dieses Urgefühl als eine alles akkompagnierende Musik in der Liebe hervor, und Acher that recht daran, auf die Glut hinzuweisen, die um Eros flammt. Aber wenn ich liebe, so werde ich darum von den Gesetzen des irdischen Lebens nicht entbunden. Wenn ich mir und der Geliebten ein dauerndes Heim bereiten will, so werde ich meine sozialen und ökonomischen Verhältnisse scharf im Auge behalten müssen. Da gilt keine Schwärmerei, da bin ich von der Verpflichtung nicht entbunden, so zw^eckgemäss wie nur möglich zu handeln und