Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Forderung und Forderung der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 79 - 80 (sequence 4)
- Language
- German
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79 Dr. med. Theodor Zlocisti: Forderung und Förderung der Wissenschaft des Judentums. 80 danken, müssen durch die Erweiterung der Arbeitsaufgaben in den Gemeinden aufgehoben werden. Wir brauchen jüdische Fortbildungsschulen und jüdische Volkshochschulen, in denen reiner und reicher das alte Beth-Hamidrasch wiederaufersteht. So können aber auch erst all die Talente, deren ganze Veranlagung zum Judentum drängt, für die Arbeit herangezogen werden. Es ist im Augenblick so weit gekommen, dass das Judentum den Angriffen von allen Seiten — wissenschaftlich und politisch — nur unbesetzte und unbewaffnete Forts gegenüberstellen kann, weil seine jungen Söhne sich nicht mehr dem undankbaren Dienst des Judentums widmen mögen. Mit Stipendien für Jünger der -. Wissenschaft ist da nichts gemacht. Man muss Lebensberufe schaffen Wirkungsfelder, die auch eine würdige Lebenshaltung ermöglichen (natürlich keine Stelle für moderne Prediger, welche die unjüdische Aufgabe haben, die Seele zu besorgen und „Erbauung und sanftmütige Seelenpflaster" zu verschleissen.) Wird die jüdische Gemeinde diese ihre Aufgaben begreifen, dann muss es auch zu einer Organisation der Gesamtjudenheit kommen, wobei die grösseren Gemeinden — die gross geworden sind, nicht durch den Geburtenüberschuss, sondern durch den Zufluss von der Provinz — die Pflichten gegenüber den kleinen übernehmen und durch Wanderlehrer die Kenntnis des Judentums und den Kampfesmut erhalten und strebsamen Kräften freudige Betätigung schaffen. Hand in Hand mit diesem Neubeleben wird der Wunsch nach Büchern gehen. Der jüdische Buchhandel in Deutschland, für den es nur das Epitheton „nebbichdig" giebt, wird aufblühen. Und ein neuerstehender Zunz, der uns nicht auf Befehl und nicht laut Vereinsprogramm oder Fraktionsbeschluss blühen wird, braucht dann keine Fluchquadern mehr auf ihn zu schleudern. Sind das Phantasieen und Schwärmerträume? Nein! Wir leben in einer Uebergangszeit. Es ist ein neues* Keimen in Israel. Die Zeit der Entjudung verfliegt. Die bergeversetzenden Urgefühle der Bruderliebe und Ahnentreue leben und beginnen hoffentlich immer mächtiger in uns zu weben. Viele Güter [haben' wir verloren. Wir werden sie uns wieder zum Eigenen machen. Und was wir draussen in der fremden Welt, fern vom Judentum erlernt, es soll uns ^helfen unser Volkstum schützen und schmücken. NOCH EINMAL CHAMBERLAIN. Von S. Lublinski. Mathias Acher hat kürzlich in „Ost und West" den Dilettantismus von Houston Stewart Chamberlain gründlich entlarvt und dabei mit Treffsicherheit gerade den skandalösesten Fall dieses Dilettantismus hervorgehoben: Chamberlains Interpretation der Sündenbekenntnisse im alten Testament. Acher spricht mit vollem Recht von „mystischer Verwahrlosung" des Denkvermögens, und ich möchte hinzufügen, dass hier einer der schlimmsten Verstösse wider das Grundgesetz der wissenschaftlichen Redlichkeit vorliegt. Man soll nichts dadurch erklären wollen, dass man es auf ein Unerklärliches abwälzt. Nur wenn alle Versuche, mit bekannten Grössen zu rechnen, misslungen sind, darf man mit grosser Vorsicht Hypothesen wagen. Darum wäre Chamberlain aus Gründen der intellektuellen Reinlichkeit verpflichtet gewesen, die religiösen Kämpfe und Sündenbekenntnisse im alten Testament auf schlicht historische und soziale Momente, die wir alle begreifen, zurückzuführen. Erst wenn alsdann noch manches Rätsel zurückblieb, durfte er sich an die verwickelte und dunkle Rassenhypothese wagen, die in sehr problematische biologische Urtiefen führt und rätselhafte Natursymbole vor [uns hinzeichnet. Chamberlains Fanatismus kommt natürlich nicht bei der Wissenschaft, sondern bei der verworrenen Hypothese auf seine Kosten, und es ist darum begreiflich genug, dass er mit wüsten Rassenkonstruktionen nur so um sich herumwirft. Aber es gab unter den Fanatikern oft genug auch starke und tiefe Naturen, die zwar in verzerrter und selbst verlogener Form für ihre Ideen zu wirken suchten, in jedem Fall jedoch mit einem furchtbaren Heroismus um die Begründung ihrer Weltanschauung rangen. Die wussten, an was für Problemen sie sich die Zähne ausbissen und was sie dabei wagten. Chamberlain weiss es nicht, und gerade diese liederliche Leichtherzigkeit, mit der er jede schmerzliche Frage der Weltgeschichte durch eine zu Tode gehetzte Rassentheorie erledigen möchte, beweist dem Unbefangenen zur Genüge, dass er in erster Reihe keinen Fanatiker vor sich hat, sondern einen ganz gewöhnlichen geschichtsphilosophischen Dilettanten. Nämlich einen jener schrecklichen Hegel- Epigonen, die sich nebenbei aus den Bechern Richard Wagners und Schopenhauers einen Rausch