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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 2 (Januar 1903) · p. Seite 75 - 76

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 2 (Januar 1903)
Article
Forderung und Forderung der Wissenschaft des Judentums
Date
1903-01-01
Page
Seite 75 - 76 (sequence 2)
Language
German
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75 Dr. med. Theodor Zlocisti: Forderung und Förderung der Wissenschaft des Judentums. 76 konnte die Wissenschaft des Judentums ihm. niemals Selbstzweck sein, wenn es auch einige seiner Genossen ausgesprochen haben. Er hat nie die lebendigen Beziehungen der Wissenschaft zum Leben der Judenheit verloren. Wissenschaft, die sich selbst genug ist, ist ein Luxus, den die Juden sich nie leisten konnten und niemals geleistet haben. Wissenschaft ohne Zweck ist zwecklos und so unnötig, wie die Kunst für die Kunst. Judas schöpferische Geister waren immer zu demokratisch, um Werte und Werke zu produzieren, die nicht Allen — wenigstens ideel! — zugänglich waren. So hoffte auch Zunz, dass die Auflichtung unserer Geschichte und die Entwirrung unserer Litteratur, dass die Wissenschaft des Judentums in der entscheidenden Zeit Kenntnisse ermöglichen und verbreiten werde, die sich in volkserhaltende, nationale Urkräfte — in Stolz und Treue! — umsetzen würden. Seine Zeitgenossen haben ihn nicht verstanden. Er war ein Prediger in der Wüste. Allein wie schwer und schmerzlich er in tiefster Seele verletzt war, die bösen Stürme und Erfahrungen haben ihn nicht mit sich selbst in Zwiespalt bringen können. Er blieb sich selbst getreu und seinen Worten; und er hatte Recht: was aus dem Mabul der Uebergangszeit unvergänglich aufgetaucht ist, das ist die Wissenschaft des Judentums. Erscheint es da als ein Wunder, wenn auch in unseren Tagen der Ruf nach der Wissenschaft des Judentums als Retterin aus dumpfer Verzweiflung wieder lebendig wird? Auch unsere Zeit trägt deutlich die Merkzeichen des Ueberganges auf der Stirn. Auch für heute trifft die verbitterte und verzweifelte Schilderung zu, die der grollende Zunz von den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entworfen. Freilich hat sich vieles gewandelt: Nicht mehr die Ungewissheit plagt, wie das Judentum aus dem Untertauchen in die Völker hervorgehen werde. Erschreckend deutlich fühlen wir den Zwiespalt, dass wir wohl die Umkultur in uns aufgenommen haben, aber dass wir Juden geworden sind ohne Judentum! Wir haben unser „Substanzielles" verloren, das wir nach der Hoffnung von Gans beibehalten würden, auch wenn wir der „Totalität" dienten. Nicht nur „die störende und bloss auf sich reflektierende Selbständigkeit" ist vernichtet worden. Wir haben uns unserer besten Kraft entäussert und uns assimiliert. Aber nicht restlos zu unserem Glück. Denn dieser Rest wird uns — uns selbst wiedergeben, nachdem der kleine Jonas von den anderen Völkern schon längst und gründlich ausgespieen ist. Wir sehnen uns wieder nach Einheit und Ganzheit. Aber heut kann diese uns werden, nur indem wir unsern ganzen Lebensinhalt auf unserem Judentum aufbauen. Dazu kann uns unsere Wissenschaft verhelfen. Nicht die von heut! Diese ist so versandet, dass eine ringende Seele, eine Individualität mit Tiefgang gar bald rettungslos aufs Trockene kommt. Alle Bewegung, aller Schwung und Rhythmus sind dahin. Ein Blick auf die „Monatsschrift" und man prallt entsetzt zurück. Das flotte Treiben in den 60er Jahren; diese gebenden und empfangenden Beziehungen zum Leben. Und nun stumpfe Kärnerarbeit. Körner werden aufgelesen. Aber das Wertungsvermögen, ob von Gold oder alltäglichem Gestein, ist geschwunden. Titel von konfiszierten Büchern, ebenso lange wie langweilig an einandergereiht. Getretener Quark. Anmerkungsweisheit — eine Zeile Text und zwei Seiten Anmerkung! Ausgeräumte Notizenzettel, unverdaut wieder ausgeschieden, wer soll sich damit mästen? Das ist schon mehr als Mangel an „Kultur des Stils", wie ihn Heine an Zunz's Zeitschrift beklagte und mehr als Erdrosselung alles Schönheitssinnes, aller Gefühle für Würde und Form. Aber daran sind die Redakteure unschuldig. Der Niedergang der Wissenschaft des Judentums die bestehen bleibt, „auch wenn sich kein Finger für sie rührte", ist nur die notwendige Folge der* verhängnisvollen Einschnürung des Judentums auf den Konfessionalismus. Die Lüge der „mosaischen Konfession" hat der jüdischen Wissenschaft — da sie nicht Patristik und Kirchengeschichte ist — das Fundament geraubt, so wie sie uns zu Halbnaturen gemacht hat. Mit unseren metaphysischen Bedürfnissen allein sollten wir im Judentum wurzeln. Aber wo mit all den tausendfältigen Lebensbedingnissen? Die Assimilationsfaiseure. wussten es. Wir aber wissen es jetzt, dass wir ebenso wie unsere Wissenschaft mit all unserem Sein wieder ganz und nur im Judentum wurzeln können — und müssen! In diesem Sinne eröffnete auch Immanuel Wolf (Wohlwill) die Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums 1823: „Wenn von einer Wissenschaft des Judentums die Rede ist, so versteht es sich von selbst, dass hier das Wort Judentum in seiner umfassendsten Bedeutung genommen wird, als Inbegriff der gesamten Verhältnisse, Eigentümlichkeiten und Leistungen der Juden, in Beziehung auf Religion, Philosophie, Geschichte, Rechtswesen, Litteratur überhaupt, Bürgerleben und alle menschlichen Angelegenheiten

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