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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 67 - 68

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Impressionen
Date
1903-01-01
Page
Seite 67 - 68 (sequence 3)
Language
German
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67 Dr. Jeremias: „Impressionen" 68 ganzen sittlich unanfechtbar erscheinen, die uns das Hochgefühl moralischer Ueberlegenheit und überdies ein wirtschaftliches Uebergewicht verleihen, werden niemals planmässiger Selbstüberwindung anheim. fallen. „Gegen das Gewissen giebt es keine Majorität" (Jules Simon). Und zu diesen logischen und ethischen Unmöglichkeiten kommt noch die psychische, sich gewisse körperliche Stammeseigentümlichkeiten, die erfahrungsgemäss die stärksten Stützen von Rassenantipathieen sind, „abzugewöhnen". Oder will Herr R. statt der Circumcision eine kosmetische Nasenoperation, wie sie thatsächlich ein jüdischer Chirurg ersonnen, bei jedem Neugeborenen vornehmen lassen? Ich musste unwillkürlich an die von Moses Hess zitierte Erzählung Moleschott's denken, wie der Sohn eines getauften Juden morgens nicht vom Spiegel wegzubringen war, weil er sich unablässig mühte, mit dem Kamm sein krauses Haar in schlichtes zu verwandeln. Im Ernst, führt gerade die Betrachtung der körperlichen Rassenmerkmale auf den Weg, den jede zielbewusste, ehrliche Assimilation gehen muss: nur die reichliche Zumischung von fremdem Blut kann die physische wie die psychische Eigenart eines Volkes allmählich zum Schwinden bringen, Anartung und endlich Verschmelzung sichern. Bei Trennung von Tisch und Bett giebt es keine Ehe, noch weniger eine neue Generation! An erster Stelle seines Programms müsste Herr R. also die Mischehe empfehlen, das wäre einmal konsequent; davon bei ihm kein Wort! Vielmehr verlässt er sich, wenn alle von ihm empfohlenen Massregeln nichts helfen sollten, zum Schluss auf eine höhere Staatsweisheit, die auch den verlorensten Söhnen des Vaterlandes Gerechtigkeit schulde, und dies, nachdem er selbst festgestellt, dass „das Recht des Schwächeren bestehe, sich aber nicht ertrotzen lasse", und dass die Geschichte stets dem Unterliegenden Unrecht gebe. Wir sehen: R. ist noch lange nicht so weit, sich als „niemandes Gläubiger noch Schuldner" zu fühlen. Sonst wäre er wohl auf dem geradesten Wege dazu gelangt, in die Kette der Selbsterkenntnis, Selbstkritik, Selbsterziehung als Schlussglied die Selbsthilfe einzufügen. Wenn seine Philippika mehr als einmal Scham, Widerwillen, Zorn in mir weckte, so muss man doch auch Mitleid empfinden mit diesen schwankenden Gestalten, die ernstlich mit den Thatsachen ringen und dabei so hilflos sind; ja man darf wohl einer versöhnlichen Hoffnung Raum geben, dass so reich begabte Individualitäten, welche Judentum und Idealismus noch nicht abgeschworen haben, sich noch einst in unsere Reihen retten möchten. MISCELLEN UND APHORISMEN. Isaak Askenasi.. In Moskau starb vor wenigen Tagen im Alter von kaum 45 Jahren der hervorragende russisch-jüdische Maler Isaak Askenasi. Eine eingehende Würdigung des Künstlers wird in einem der nächsten Hefte von „Ost" und West" in einem besonderen Artikel erfolgen. Jüdische Statistik. Die Organisationsarbeiten des jüngst begründeten Vereins „Für jüdische Statistik" sind so weit fortgeschritten, dass neben der Berliner Zentrale, an die sich vier Arbeitssektionen anlehnen, zur Zeit grössere statistische Vereine auch in Oesterreich (Zentrale Wien), R.-Polen (Zentrale Warschau), Russland (Zentrale Odessa), sowie in der Schweiz (Zentrale Bern) funktionieren. Sämtliche Arbeitssektionen des Vereines sind gegenwärtig mit der Herstellung der grundlegenden Arbeit, einer kompletten Bibliographie der jüdischen Statistik, beschäftigt. Dieselbe wird neben zahlreichen Monographien über die Lage der jüdischen Bevölkerung noch im Laufe dieses Winters im ersten Bande der Publikationen des „Vereins f. j. St." zur Veröffentlichung gelangen. Briefe sowie Mitgliederbeiträge (6 Mk. jährlich) und einmalige grössere Spenden sind an die Zentrale des „Vereins für jüdische Statistik", Berlin- Halensee, Ringbahnstrasse 125, zu adressieren. Die Zahl der Juden in Italien Darüber werden jetzt genaue statistische Angaben veröffentlicht. Es leben in Italien gegenwärtig 43,550 Juden in 73 Orten verteilt. 1950 Juden leben in 39 Zweiggemeinden von 20—100 Seelen; weitere 3610 Juden bilden 16 Gemeinden von 100—500 Seelen. 5 jüdische Gemeinden mit zusammen 4260 Seelen zählen zwischen 500—1000 Mitglieder, und endlich wohnen über 32,000 Juden in 14 Gemeinden mit über 1000 Seelen. Von diesen weisen die Städte Mantua, Modena und Neapel je rund 1000 Seelen auf; Padua zählt 1050, Ancona 1700, Ferrara 1740, Mailand 1680 und Florenz 2100 Juden. Die vier Städte Livorno, Venedig, Turin und Rom haben über 3000 Juden in ihren Mauern, und zwar Venedig 3800, Livorno 4050, Turin 4300 und Rom 7800. Zirka 1700 Juden wohnen vereinzelt über Italien zerstreut. Am 28. und 29. d. Mts. tagte im Sitzungssaale des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes der provisorische Ausschuss des „Vereins zur Förderung der Wissenschaft des Judentums". Er fasste Beschlüsse über die weitere Organisation der Propaganda, die mit gutem Erfolge begonnen und dem Eisernen Fonds bereits beträchtliche Beträge zugeführt hat, sowie über die Fassung der Statuten, die der nächsten ordentlichen Mitglieder- Versammlung zur endgiltigen Festsetzung vorgelegt werden soll. * * * Lazarus sagt in seiner „Ethik des Judentums": „Israel musste partikularistisch sein, um universalistisch zu werden-und zu wirken." Heute sollte gelten: „Israel muss wieder partikularistisch werden, um universalistisch zu wirken." H. Sch.

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