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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 65 - 66

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Impressionen
Date
1903-01-01
Page
Seite 65 - 66 (sequence 2)
Language
German
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65 Dr. Jeremias: „Impressionen". 66 Das sind starke Anklänge an unser Denken und Fühlen! Kein Wunder, dass R. in der Welt der wohlmeinenden Abwehrmänner ehrliche Entrüstung, in der judoliberalen Halbwelt giftige Schmähungen geerntet hat. Schade, dass dieser aufrichtige Mann es auch seinen unaufrichtigen Kritikern so bequem gemacht, deren Geschossen solche Breitseite dargeboten hat. Welch ungerechte Entstellung thatsächlicher Verhältnisse, wenn R. ausruft: „Was thut Israel, um vom gesellschaftlichen Bann erlöst zu werden? Weniger als nichts!" Wissen wir nicht alle, dass in dem heissen Begehren nach gesellschaftlicher Gleichachtung die Selbstentäusserung bis zur Selbstentwürdigung getrieben wurde? Müssen wir nicht vielmehr antworten: „Weniger wäre mehr gewesen!"? Welche Ungerechtigkeit weiter in dem Vorwurf: „Ihr redet von erfüllten Pflichten: Kriegsdienst und Steuern. Aber hier war mehr zu erfüllen als Pflichten: nämlich Vertrauen." Weiss R. wirklich nicht, wie blind vertrauend, wie vertrauensselig sich die Generation vor uns deutscher Bildung, deutschen Freiheits¬ und Gesellschaftsidealen in die Arme, ja zu Füssen geworfen hat? Und welche Geschmacklosigkeit, von der asiatischen Horde zu sprechen oder von dem schwärzlichen Krämervolk, mit dem der alte Stammesgott seit ein paar Tausenden Jahren sich nichts mehr zu schaffen gemacht habe. Wie taktlos die Redensart: „Der auf Horeb und Zion thront, zieht nicht nach der Rosenstrasse noch nach der Heidereuthergasse" — wie würdelos die Feststellung, dass auch in jüdischen Kreisen „die Benennung „jüdisch" für persönliche Eigenschaften und Handlungsweise eine kompromittierende Färbung" angenommen habe! Auch wo R. seinen Grundanschauungen über den Komplex der Judenfrage Ausdruck giebt, findet sich neben viel Wahrem und Gescheitem allerlei Schiefes und Unklares, thörichte Uebertreibungen und unverknüpft Gegensätzliches. Er sieht das Problem von der wirtschaftlichen, von der religiösen, von der kulturellen Seite an. Die ökonomische Seite der Judenfrage wird nur gestreift und mit der orakelhaft kurzen und undeutlichen Bemerkung abgefertigt, sie sei Sache der Gesetzgebung. Lassen wir das! — Den aufgeklärten Rabbinern, die so lange an der Entjudung unseres Kultus und unseres Glaubens gearbeitet haben, bescheinigt R., dass zwischen ihrem Deismus und dem eines liberalen evangelischen Geistlichen kein Unterschied bestehe. Also sollten wirklich die „protestierenden" Rabbiner von protestantischen Geistlichen nicht mehr zu unterscheiden sein? Ich denke : mag die Abschleifung der Gegensätze auf gewissen Grenzgebieten noch so weit gehen, immer wird der jüdische Gottesbegriff markante Differenzen gegen den christlichen aufweisen! Der Judengott ist zwar nicht, wie er immer wieder in christlicher Karrikatur erscheint, die personifizierte Rache, aber die strafende Liebe, die barmherzige Gerechtigkeit, die allweise Vermittlung zwischen Strenge und Milde; fremd wird uns stets bleiben der Gott der christlichen Liebe und dessen Lehre, seine Feinde zu lieben und nach dem ersten Backenstreich die andre Wange hinzureichen. Deshalb heisst es die Wahrheit geradezu auf den Kopf stellen, wenn R. die absurde Behauptung wagt: „Die christliche Sittenlehre ist dem gebildeten Judentum heute so selbstverständlich, dass man sich einredet, sie lasse sich aus dem alten Testament abstrahieren." Darauf folgt nun die erwartete Schlussfolgerung: Empfehlung der Taufe — nicht, im Gegenteil der Ausdruck der Ueberzeugung, dass die Taufe nicht das Ende der Judenfrage brächte, sondern höchstens die judenfeindliche Bewegung in einen „Antisemitismus gegen Getaufte" verwandeln würde. Den Hauptaccent legt R. auf die Kultur- und Rassenfrage; hier muss vor allem der Hebel angesetzt werden, will man die Judenfrage einer gedeihlichen Lösung entgegenführen. Statt Abwehr mehr Einkehr!, predigt er und hält sich und seinen Stammesgenossen den Spiegel vor. Doch wie jämmerlich erscheint der Durchschnittsjude in diesem „Selbstbekenntnis der spezifischen Mängel"! Strenge Selbstcensur, auch in der Oeffentlichkeit, als Vorbedingung jeder Erneuerung des Volksganzen, verlangt gerade der rassestolze Jude, verträgt auch eine gutmütige, sogar hie und da cynische Karrikierung im engen Kreise. Wenn aber eine Zerrgestalt als Prototyp genommen, an den Pranger gestellt und vor versammeltem antisemitischen Mob mit Geisseihieben traktiert wird, so kann das nach keiner Seite hin Erspriessliches wirken. Nach also entwürdigender und entmutigender Selbstkritik fordert R. die Selbsterziehung: körperliche Regeneration, Veredelung der gesellschaftlichen Sitten, mehr ästhetische Kultur, schliesslich ein geläutertes Selbstbewusstsein ohne Anmassung, wie es „nur der erwirbt, der sich als niemandes Gläubiger noch Schuldner fühlt". Danach sollte -man meinen, dass das leitende Prinzip all dieser Ratschläge, wenn schon nicht die zionistische Idee, so doch ein nationales Gegenwartsprogramm oder wenigstens eine gesunde jüdische Konzentrationspolitik wäre. Nichts von alledem1. Grundgedanke ist „die bewusste Selbsterziehung einer Rasse zur Anpassung an fremde Anforderungen, Anartung in dem Sinne, dass Stammeseigenschaften, gleichviel ob gute oder schlechte, von denen es erwiesen ist, dass sie den Landesgenossen verhasst sind, abgelegt und durch geeignete ersetzt werden." Bewusste Selbsterziehung einer Rasse kann immer nur im Rahmen einer kraftvollen nationalen Organisation oder Reorganisation erfolgen; diese aber, an sich das Produkt der Selbstermannung, wird nie der Selbstentmannung Vorschub leisten, vielmehr stets auf stärkere Herausarbeitung der Stammeseigenheiten zielen. Logisch unmöglich ist also von vornherein, was R. verlangt. Aber selbst die Möglichkeit zugegeben: welch ungeheuerliches Verlangen, auch die guten Eigenheiten, soweit sie dem Wirtsvolk unangenehm sind, abzugewöhnen. Strebsamkeit, Sparsamkeit, Nüchternheit, Bildungsdrang, Familiensinn — nationale Vorzüge, die dem Volks-

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