Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Leopold Pilichowski
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 43 - 44 (sequence 2)
- Language
- German
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43 David Frischmann: Leopold Pilichowski. 44 darüber zergrübelt. Vielleicht ist es derselbe Grund, aus dem ein Acker zuerst gedüngt werden muss. Durch Nacht zu Licht, durch Dünger zur Frucht, durch Lodz zur Kunst. Und doch hat Lodz trotz alle und alledem wieder auch seinen heilsamen Einfluss auf alle aus ihm hervorgegangenen Künstlernaturen ausgeübt. Vielleicht hat Lodzer Luft den grössten Anteil daran, dass jenen Künstlern das Geheimnis offenbart wurde, wie man bei allem Idealismus in der Konzeption dennoch einen strengen Realismus in der Ausführung behaupten kann. Ganz besonders wird man's bei Pilichowski finden. Die zerlumpten Arbeiter einerseits, die verhungert und nicht ausgeschlafen in der Tretmühle ihrer Fabriksherrn sich wie die Zitronen auspressen lassen, und die armen brotsuchenden, verrufenen und dennoch stets heldenmütig hungernden Juden andererseits — ihm hatten sie es angethan. Es sind lauter Stoffe, die das Lodzer Pflaster liefert; es sind lauter Stoffe, die ideal empfunden, und, wenn real ausgeführt, zündend wirken. Sein ganzes SchafTen hindurch haben Pilichowski diese Motive beschäftigt, sie haben ihn förmlich verfolgt, und wie er sie behandelt hat, das ist jedem Kenner seiner Werke bekannt. Eines indessen muss ich schon hier hervorheben: vielleicht haben andere Maler, vor ihm und gleichzeitig mit ihm, zarter, lyrischer, inniger diese Sujets behandelt, niemand aber hat mehr als er mit der idealen Auffassung jener Stoffe Humor und ätzende Satire verbunden. War er doch, schon als Kind, selbst so ein Stück Arbeiter einerseits und so ein Stück Jude andererseits, d. h. ein schreiender Protest gegen soziale Ungerechtigkeit. Es war aber einer, der in Farben dachte und in Formen fühlte. Und hier muss ich daran denken, wie er eines Tages gekommen war und uns die hübsche Geschichte erzählte, dass er ins Ausland fahren wolle. Er wolle nämlich Künstler werden: Maler oder so was. Maler? . . . Nun ja, Einen Verunglückten hatten wir bereits in unserer Familie. Ein Neffe meines Vaters, der den Posten eines Webermeisters in dessen Fabrik bekleidete, ein Mann Namens David Hirszenberg, hatte ein kleines schüchternes Jüngelchen, Samuel genannt, der ebenfalls auf so einen komischen Gedanken gekommen war, und der hatte sich bereits zum Künstler emporgehungert. Und noch Einen hatten wir in unserer Mitte, Heinrich Glitzenstein, der ebenfalls den Weg alles Fleisches in dem Künstler, den der Entbehrung und des Hungers, schon gegangen war. Und nun auch dieser. Das Meer, sagt man, fordert jedes Jahr sein Opfer. Ach, dass es Maler und Dichter noch so wenig weit gebracht heben! Es ist mir bekannt, dass emsige Talententdecker schon Droschkenkutscher von dem Bocke und Schornsteinfeger von dem Dache sich geholt und sie in Hohe-C-Tenore verwandelt haben. Nicht aber ist mir bekannt, dass ein hoher Gönner der Kunst sich L. PILICHOWSKI. STUDIE ZU SALOMO. einen Menschen vom Bocke oder vom Dache geholt und ihn durch tüchtige Unterstützung zum Maler oder zum Dichter gemacht haben soll. Vielleicht kommt es noch einmal so. Als Pilichowski sich zum Besuche einer Malerschule anschickte, war es noch nicht gekommen. Er hat lange suchen müssen. Endlich hat auch er seinen edlen Menschen und seine edle Dame gefunden, die sich seiner angenommen haben. Er ging zuerst nach München und dann nach Paris. Wie er da lebte, lernte, sich abmühte und endlich zu seinem Ziele gelangte — ach, es ist bald genug erzählt. Es ist die Biographie jenes berühmten Russen, die, kurz gefasst, lautet: wurde 1812 geboren, trank Wodki und starb. Auf Pilichowski angewendet, würde sie lauten: war in den Kunstschulen, hungerte tüchtig und wurde ein vorzüglicher Künstler. Alles Andere wäre Beiwerk. Selbstredend, wenn ihm die Unterstützung zum Frühstück ausreichte, reichte sie zum Mittag nicht aus. Selbstredend, wenn er in Farben dachte und in Formen fühlte, musste er was Rechts werden. Und er ist es •auch geworden; was scheerten ihn alle jene Lappalien? Schon im Jahre 1891, kurze Zeit nach seinem Eintritt in die Pariser Malerakademie, wurde seine erste Arbeit für den Salon auf dem Champs de Mars angenommen. Unvergesslich werden mir die paar Worte bleiben, die er mir über diese Zeit schrieb. Es ist der Freudenausbruch eines an sich verzweifelnden Künstlerherzens. „Also bin ich wirklich, wahrhaftig Maler, und nicht nur ein Talent von Cousinengnade! Wie ich es zum ersten Mal an mir erfahren, glaubte ich, ich werde wahnsinnig . . ."