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Ost und West · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. Seite 855 - 856

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Article
Jüdische Kunst
Date
1902-12-01
Page
Seite 855 - 856 (sequence 3)
Language
German
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855 Jüdische Kunst. 856 Thöricht die untergehende Richtung der alten Zeit, welche die jungen aufkeimenden Kräfte mit in ihr Leichentuch hüllen und in der kalten Umarmung hinwelken lassen wollte! Aber ehrlos der Sohn, der sich seines Vaters, ehrlos das Geschlecht, das sich seiner Vorzeit schämt! — Alle diese tiefen Beziehungen schauen uns aus dem schönen Bilde an; sie alle kann nur die Kunst uns mit solcher Klarheit undLebendig - keit vor die Seele fuhren. Es ist ein freudiges Zeichen für uns, für unser Verhältnis, in welchem so mancher Schmerz zu lindern, so manche Wunde, die der Hass geschlagen, zu heilen ist, dass die Kunst sich unserer annimmt, dass sie es nicht verschmäht, ihre Stoffe unserem Leben zu entnehmen, und den niedrigen Spott nicht scheut, der spurlos an ihrer Schönheit vorübergleitet. Das Recht muss errungen werden durch die Macht des Wortes, durch die Kraft der Ueberzeugung; die Liebe darf man auch erbitten. Die Kunst ist das Wort der Sympathie, mit welchem die Menschheit um Liebe bittet: sie ist der Genius, der mit liebender Hand auf die liebenswerte Seite der Menschheit und des Menschlichen hinweist, ihr beigegeben als ein Genius der Versöhnung, als Ueberwinder des Hasses und der herben Strenge des lieblosen Urteils. Sie flösst den Völkern Liebe und Teilnahme für einander ein; sie ist, in unseren Tagen zumal, die ausgestreckte Hand, welche die Nationen sich darreichen als Pfand der wechselseitigen Achtung und Anerkennung; sie vereinigt dieselben immer mehr und mehr in einem Kreise der Bildung und der Schönheit. Wie viel leichter muss es ihr werden, die Religionsparteien zu versöhnen, die nur das trennt, was seinem Wesen nach Liebe sein sollte, und nur durch die traurigste Verirrung dem Hasse Raum gegeben hat. Darum ist jedem Volke seine besondere Kunst, jedem religiösen Leben seine besondere Poesie — im weitesten Sinne des Wortes — gegeben, damit sie es vertrete dem fremden Volke, der fremden Religion gegenüber, damit sie ihm Teilnahme gewinne und Liebe. Darum ist das Volksleben, das religiöse Leben verwaist und vereinzelt, dem die Kunst nicht liebend und Liebe gewinnend, nicht verklärend zur Seite steht." EIN JUNGJUEDISCHER DICHTER. Von Otto Abeles. Das erste Buch eines Sängers sei wie ein Bildungsroman. Man muss ihn werden und wachsen sehn, wie den „Wilhelm Meister", oder den „Grünen Heinrich", oder den „David Copperfield", oder die „Renate Fuchs". Aber wohlgemerkt: Sein Erstling sei ein Werdebuch — kein Tagebuch! Nur die Grundakkorde und Leitmotive seiner tastenden Seele soll er uns in seinem ersten Bande mitteilen; die kleinen und grossen Kämpfe und Freuden, die ihm das Lied erweckten; und wie die heilige Stunde kam, da ihn nach Stürmen und Leiden Feierglocken zum Lebenswerk riefen. Alles Unwesentliche und Wertlose aber muss er mit eiserner Selbstzucht, ohne die kein Künstler wird, hinter sich werfen. Ein sorgsamer Gärtner duldet keine Feldsteine auf wohlgepflegtem Rasen. Dann aber kann uns ein dünnes Bändchen Lyrik, vom gereiften Dichter in unsere Hände gelegt, mehr von der Schönheit und mehr vom Leben sagen, als tausend Romanseiten. Denn wir dürsten nach Musik, weil das Lied die tiefsten Tiefen des Seins auszuschöpfen vermag. Man sieht, ich will von einem guten und ernsten Buche sprechen, wenn ich diese höchsten Anforderungen überhaupt nur in Erwägung ziehe, von einem Buche, das man nicht liest, um darüber zu schreiben, sondern über das man schreibt, weil man selbst daran gewachsen ist ... . Theodor Zlocisti*) ging mit lobenswerter und seltener Energie zwei Gefahren aus dem Wege, die unsere junge, jüdische Kunst ganz bedenklich bedrohen. *) Vom Heimweg, Verse eines Juden von Theodor Zlocisti P.rünrt 1903, Verlag der ,Jüdischen Volksstimme". Die eine möchte ich als „jüdische Muskelpoeterei" bezeichnen — wobei mir die Vergewaltigung des schönen Nordau' sehen Wortes vom „Muskeljudentum" verziehen sei. Ich meine die von jüdischen Parteiblättern gerne geförderten und von deklamierenden Vereinsbrüdern geradezu gehätschelten öden, kraftmeierischen Tendenzreimereien, „etzliche Verse lang", wie es in der braven Meistersingerzeit hiess. Schlimmer und schleichender dünkt mich die zweite Gefahr: das anbiedernde Hineinrufen in den deutschen Dichterwald, häufig gerade an jener Stelle, wo sich die nervenleidenden Worteverrenker und Uebersymboliker tummeln. Diese unwahre und gekünstelte Assimilation unter dem Deckmäntel der „Moderne" bedeutet einen moralischen Defekt und ist mehr traurig als lächerlich .... Zlocisti's Talent, von Natur aus kerngesund, steuert glücklich zwischen dieser Scylla und Charybdis hindurch. Weil wir es also nicht mit billiger Mache, sondern mit den Weisen eines Dichters zu thun haben, wird es sich lohnen, seiner Fährte zu folgen. Sein Lied erwachte, als er das Sehen lernte. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen, und er sah. wie uns das Gift des inneren Golus durch die Glieder schleicht; wie wir in einer Krankenstubenatmosphäre nur noch in dumpfer Apathie fort vegetieren, seitdem uns ein totes Mitleid, „das die geballte Faust erschlaffen machte", den letzten Rest von Kraft nahm; wie uns so alles zum Fluche werden muss, "was die Ahnen mit Blut oder Gold erkauft haben: Was brachte uns das kalte Menscliheitslieben, Was der verlog'ne Freiheitsglorienschein? — --Zu viel, dass wir . . . wir selber "blieben, Zu wenig, um beglückt zu sein.

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