Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- Jüdische Kunst
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 853 - 854 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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853 Jüdische Kunst. 854 MORITZ OPPENHEIM. Die Rückkehr des Freiwilligen. Getrennte aut in Liebe und Freiheit. Ihre Liebe geleitet die Völker und die Religionsparteien von der "Wiege an das Grab und über das Grab, bis dahin, wo sie eingehen in das ewige Leben der Menschheit, in das unveränderliche Reich der Wahrheit. Wenn sich die Gegenwart in hartem Kampfe von den Banden der Vergangenheit befreit hat, und manche Wunde in dem Kampfe geschlagen und mancher Hass erregt worden, so tritt die Kunst versöhnend dazwischen und zeigt der Gegenwart die Vergangenheit, ehrwürdig wie einen entthronten Greis, anspruchslos, nichts heischend, als die Achtung vor dem Alter und ein friedliches Ende. Sie erinnert uns an das, was Hohes und Edles und Inniges in jederzeit nach ihrer Weise liegt; sie warnt uns vor dem verderblichen Wahn, als seien wir schon darlim besser als die alte Zeit, weil wir einige ihrer Vorurteile abgelegt haben; sie mahnt uns, den Geist und das Streben unserer Zeit mit ernstem, heiligem Eifer, mit Verleugnung unserer selbst zu erfassen, so wie die alte Zeit an dem ihren hing, wenn unsere Aufklärung nicht erröten soll vor der Stärke und der Begeisterung jener verschmähten Vorzeit. — Preis darum dem sinnigen Künstler, dass er einen der heiligsten, wenn auch noch so vergänglichen, Momente aus dem Leben unseres Jahrhunderts in schönen Verein gesetzt hat mit den altertümlichen Formen jenes jüdischen Lebens, dass er den scheinbaren äusseren Kontrast zwischen beiden in künstlerischer Schönheit und hoch menschlicher Gesinnung ausgeglichen hat. Vater und Sohn schliessen alte und neue Zeit, inniger Glaube und mutige Vaterlandsliebe, duldende und handelnde Treue, fest anklammernd die Hände aneinander. Ja, wie Vater und Sohn, so sollen sich die Zeiten umarmen und ehren und lieben. Thöricht der Vater, der den Sohn in das Kleid des Alters hüllen wollte und sich nicht freute seines jugendlichen Mutes, seines frohen Fortschreitens, seines innigen Anschliessens an die kräftigsten Bestrebungen des Jahrhunderts!