Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- Ein jüdisches Überbrettl
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 851 - 852 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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851 M. S.: Ein jüdisches Ueberbrettl in Galizien. 852 brave 'Jüngling im langschössigen Rock und in kurzen Beinkleidern, in weissen Strümpfen und ausgeschnittenen Schuhen, im Käppchen und mit einem weichen, ausgelegten Hemdkragen über dem Rock, mit sorgfältig gelockten Seitenlocken („Pejss"), der auf der Szene erschienen ist, —. eine weibliche Person, und zwar Pepi Littmann war. Pepi Littmann beherrscht den Jargon vortrefflich. Ihr Organ hat zwar einen etwas derben Klang — bevor sie die Bretter betreten hatte, war sie Köchin — aber es lässt sich nicht leugnen, dass die jüdische Volkssprache in ihrem Vortrage an Plastik, Biegsamkeit und scharfer Deutlichkeit gewinnt. Ein Wort, eine Geste —. und das Publikum lächelt. Xoch ein paar Worte, noch einige stumme Bewegungen, und das Publikum fängt an, sich vor Lachen zu schütteln. Irgend jemand macht eine Bemerkung, aber Pepi Littmann findet sofort eine schlagfertige, witzige Antwort. Ihr Humor, ihr schlagfertiger Witz ruft ein sinniges Hin- und Widerspiel zwischen ihr und dem Publikum hervor, und scherzhafte Bemerkungen, Sticheleien und Witze fallen wie Hagelkörner auf die Szene und von der Szene. Die ererfinderische und immer geistreiche Pepi Littmann geht immer als Siegerin aus solchen Wortgefechten hervor. Natürlich kann es dabei nicht ohne kräftige Cynismen abgehen. Ihre Lieder erfreuen sich unter der jüdischen Bevölkerung Lembergs einer grossen Popularität. Das Publikum, das Pepi Littmann zu hören kommt, kennt ihr Repertoire und verlangt immer wieder die Wiederholung ihrer Lieblingcouplets. Zu diesen gehören: „Ich schäm mich auszusugen", „Tkioh gedoiloh", „nach Neilan." und andere. Pepi Littmann hat ihre drei Nummern gesungen, aber das Publikum klatscht wie toll in die Hände und rult sie unaufhörlich heraus, bis sie den schmutzigen Vorhang wieder fortschiebt und auf dem Podium erscheint. Von allen Seiten lassen sich die Rufe vernehmen: „Dus Pekele! dus Pekele i" Pepi Littmann stellt sich zuerst, als ob sie -dieses Lied nicht singen wollte, macht einige spasshafte Redensarten, verkündigt aber plötzlich zum allgemeinen Vergnügen der Zuschauer: „Aufs Verlangen: dus Pekele!" „Rabt", wendet sie sich ans Orchester, aber das Publikum ist jetzt nicht mehr zum Lachen aufgelegt: „Dus Pekele" ist das ernsteste und düsterste Liedchen in Pepi Littmann's Repertoire. „Seit unser Land is verloren, Brent noch mehr Esows Zoren. Mir wandern, men treibt uns von Land zu Land Er lacht, vos mir trogen den Schimel, den Pek'l. A krenk, ken er visen, was dort ligt in sek'l. Mit Ozres kaufen is er mit un stand, Er treibt und zogt. Der jidel geht weiter und jt)gt: Trog dus Pekele, jidele, hob kein more, auf dein Plejzele, trog und war nit mid. Trog dus Pekele, jidele, hit op Gotts tore so lang du trogst dem Nomen Jid." „Trog dus Pekele", summen die meisten Zuhörer mit, und eine düstere, beklemmende Stimmung bemächtigt sich aller. Die Melodie ist dem Inhalt des Couplets entsprechend, wehmutsvoll, und ausserdem versteht Pepi Littmann, in ihrer Stimme Klagetöne zu finden, die nicht nur ans Herz greifen, sondern den Empfindsameren Thränen in die Augen locken. Wahnsinniges Beifallsklatschen ertönt, sobald der letzte Klang des Liedes verklungen ist, dieses einfachen Volksliedes, das mit rührender Aufrichtigkeit und Natürlichkeit das jüdische Leid besingt. „JUEDISCHE KUNST. (Fragment.) Gabriel Riesser hatte im Jahre 1834 als Anerkennung seines wackeren Eintretens für die Rechte der Juden Deutschlands von den israelitischem Bürgern Badens ein Bild des bekannten jüdischen Malers Oppenheim als Ehrengeschenk erhalten, welches einen jüdischen Soldaten darstellt, der mit Narben und Ehrenzeichen bedeckt aus dem Befreiungskampf in die Heimat zurückkehrt und gerade in dem sabbathlichen Stillleben seine wonneerfüllten alten Eltern überrascht. Aus Riesser's Dankschreiben an die Geber reproduzieren wir das Folgende: „Mit der reinsten Freude blicke ich auf das schöne -Kunstwerk und freue mich, es mein nennen zu dürfen durch Besitztum, wie durch so manche Beziehung inniger Verwandtschaft mit seinem Geiste und dem Sinne, in welchem der Künstler es gebildet. Ich freue mich an der Darstellung des alten innigen jüdischen Familienlebens mit allen den äusseren Zeichen seiner Andacht, mit seiner von dem Gedanken an Gott so durch und durch erfüllten Umgebung. Wohl hat der Künstler das rechte Bild gewählt, um unsern Glauben, wie er seit Jahrtausenden gestaltet ist, in lebendiger Anschauung vor die Seele zu führen: die Familie, sein Heiligtum, die Elternliebe, sein Symbol, Vater und Mutter, seine Heiligen. Jenes Leben, oft von dem Hasse, öfter von spottender Gleichgültigkeit dargestellt, sieht sich in froher Ueberraschung verklärt von dem Lichte der Liebe des Künstlers. Wohi verschwindet es in der Erscheinung des Tages mehr und mehr vor unseren Augen, dieses Leben; wohl mag der sich entwickelnde religiöse Gedanke einer freieren, leichteren minder bindenden Form bedürfen. Aber das ist die schönste Aufgabe der Kunst, dass sie den vergänglichen Gestaltungen des Lebens den Hauch des Ewigen, den Gedanken der Unsterblichkeit abgewinnt, der in ihnen wohnt, und ihn, neu vermählt mit der verklärten Form, der Ewigkeit aufbewahrt. So wie die Kunst, die freudige Himmelstochter, den Schmerz des Menschen umfasst und an ihr Herz schliesst und ihn läutert zur erhebenden Rührung: so vermählt sie, die unsterbliche, die in ewiger Jugend blühende, sich dem alternden, dem erlöschenden Leben, und gieht ihm unversiegende Jugend wieder; so nimmt sie, die ewig einige, den Zwiespalt in sich auf, ihn zu versöhnen und löst alles